ZUM WEITERDENKEN

P. Elmar Salmann OSB, Gerleve – Rom
Die verkehrte Kirche – einmal andersherum gesehen
Mut zur Minorität



Nicht immer nahm sich die Kirche so unansehnlich aus wie im Westeuropa der letzten 30 Jahre. Nach den drei sanften Revolutionen des Konzils, von 1968 und 1989 scheint sie zwischen allen Stühlen zu sitzen: den Frommen ist sie nicht fromm und sakral, den Liberalen nicht liberal, den Engagierten nicht sozial genug, den Basisgemeinden noch zu verwaltet, den Lebenslustigen zu moralisch, Esoterikern und Sinnsuchern zu nüchtern, im Ganzen merkwürdig altbacken und modern angemalt zugleich, so daß sich bald kaum noch einer in ihr zu Hause fühlt. Es fröstelt alle, die nur an sie denken, Priester, Laien, Feministinnen, Altfromme und Neuaufgeklärte; man fängt an, sich dafür zu entschuldigen, wenn man noch katholisch ist.

Freilich, es ist das gesamte Glaubensbild und -gefüge, das langsam und unmerklich seine Leuchtkraft und Überzeugungsmacht einbüßte. Zwar verlor man den Glauben nicht plötzlich wie einen Schlüsselbund oder eine Geldbörse, er hörte nur nach und nach einfach auf, dem Leben Halt und Form zu geben; er wurde unwirklich, chimärisch, Gegenstand von Erinnerung an entlegene Kindertage, an Meßdienerstunden, erhebende Liturgien und Beichtstuhlqualen. Urschichten der Seele und soziale Visionen mochten ihm und der Kirche noch anhängen, aber der Alltag und das mittlere, die Identität tragende Bewußtsein wußte kaum noch, worum es bei den Gebeten und Worten ging, die wie erfrorene Vögel von den (abgeschafften) Kanzeln fielen. Das Empfinden der Befreiung, des Aufatmens, das den Katholizismus in seiner Mehrheit in den Jahren 1959 bis 1966 beseelt hatte, war in Überdruß umgeschlagen. Die Kirche war zum kleinen bucklichten Zwerg geworden, immer wehleidig schimpfend und doch falsch angepaßt, bisweilen noch heinzelmännchenartig hilfreich und nützlich, keinesfalls aber eine Identifikationsfigur mehr. 

Letztlich mögen wohl Gestalt und Horizont Gottes selbst sich verdunkelt haben. Unter der Flut und Last der Fernsehinformation, die tagtäglich eine unerhörte Masse an Dummheit, Sensation und grausigen Nachrichten aus aller Welt in jede Seele spült, hat in einem Land, das einen geschichtlich unausdenkbaren Stand an Sicherheit und Wohlfahrt bietet, die Theodizeefrage jedes Gottvertrauen unterhöhlt. Oder vielleicht ist beides zusammengetroffen: der Lebensstandard und die aus Übererfüllung aller Erwartungen und der schrecklichen Unübersichtlichkeit der Welt resultierende Melancholie haben die Möglichkeit, mit einer Gegen wart Gottes zu rechnen, einfach weggespült. Vilma Sturm hat am Ende ihrer Autobiographie ,Barfuß auf Asphalt‘ diesen fast unmerklichen und doch unerbittlich wirkenden Vorgang versucht zu beschreiben: „Ich blieb in der Agneskirche zu Hause, fand dort mein Genügen, für eine Weile noch. Dann ging das zu Ende. Dann glitt ich, wie ein Boot, ohne Segel, ohne Ruderschlag, nur von der Strömung getrieben, fort... Gewiß lag das nicht an diesem oder jenem Versagen der Kirche; die war uns ja lange schon, bis auf den Papst Johannes, eher gleichgültig gewesen, eine zum Widerspruch herausfordernde Institution. Aber warum wandten wir uns mit der Zeit auch von Gemeinde und Gottesdienst ab, damit auch von Bibel und Gebet, damit schließlich überhaupt von jeglicher ausdrückbaren Frömmigkeit? Ich weiß es nicht. Ich befinde mich mitten in einem Prozeß der Ablösung, die an mir geschieht, ohne daß ich es will."

So steht die Kirche als überlebte, unwirkliche und doch noch irgendwie bedrückende Altlast da, die man eher mürrisch duldet und von der man sich jede Einrede verbittet, obgleich man sich immer noch mehr von ihr erhofft als von allen anderen Institutionen. Da kann sie eigentlich nur versagen... 

Widersprüche und Umkehrungen

Und doch ist das bisher gezeichnete Bild einseitig. Nie hat das bei uns so viel geschmähte Papsttum weltweit eine solche moralische Autorität besessen (wer könnte da auch nur von ferne als Konkurrent in Frage kommen, der Generalsekretär der UNO etwa oder jener des ökumenischen Rates in Genf, dessen Name kaum jemand kennen wird?), nie sind so viele Staaten und Organisationen so oft und intensiv die Kirche um Rat, Orientierung, Beistand angegangen, selten war sie weltpolitisch so präsent, bisweilen in revolutionärer Weise, von der Auflösung des Ostblocks bis zu den zahllosen Initiativen in Afrika, Asien, Lateinamerika. Wer vermochte die dankbaren Völker und Staaten, die Menschen von Litauen bis Mozambique zu zählen, die hier Halt und Mut gefunden haben? Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten daran denken können, daß ein Papst Synagogen aufsucht, mit Würdenträgern anderer Religionen betet, in Kuba und Paris etwas zu sagen und bedeuten hätte? Der Hüter der Orthodoxie im Gewand der neuen Unbefangenheit?

Wenige in Deutschland wissen zudem, wie wichtig Rom als Schaltstelle der Begegnung von Kulturen ist. Die Unierten aus Syrien und der Ukraine (für die Johannes von Damaskus, ein Kirchenvater des 8. Jh., die letzte dogmatische Instanz ist), Christen aus Korea oder Afrika, denen die Kirche Garant der Modernisierung, einer Synthese aus Aufgeschlossenheit und Religion bedeutet, Menschen aus Ländern, wo Engstirnigkeit und Verfolgung herrschen, treffen auf Westeuropäer und Nordamerikaner, da hat ,Rom' die Funktion, die vielen Ansichten und Erfahrungen füreinander übersetzbar zu halten. Ironisch könnte man sagen, daß sich die von Grünen so herbeigewünschte multikulturelle Gesellschaft in Rom schon lange verwirklicht (übrigens auch während der Weltkriege, wo selbstverständlich Alliierte und Deutsche in den Konventen miteinander lebten). Das alles mag damit zusammenhängen, daß eine uralte Religion nie ganz auf der Höhe (oder Tiefe) der Zeit sein kann, weil ihr Hut, Hege, Deutung der Seele der Menschen anvertraut ist, die keineswegs immer mit dem viel schnelleren Verstand und den Oberflächenschichten des Empfindens und der Mode übereinstimmt. Wie lange braucht der Mensch, bis er Elementares einsieht, wie sehr ist unser Sprechen, Sehen, Werten, Fühlen noch von der vorkopernikanischen Welt bestimmt, nach welcher die Sonne auf- und untergeht und sich selbstverständlich um die Erde dreht! Und wie wenig haben wir alle von der Revolution des Neuen Testamentes verstanden; es ist doch vielmehr so, daß wir viel Heidnisches in uns tragen, noch Skeptiker, Stoiker, Epikuräer, Platoniker sind, nach dem Gesetz des ,do ut des', des blanken Interessenausgleichs reagieren; das Neue an Leben und Predigt Jesu ist auch nach 2000 Jahren noch unverbraucht, da in sich unerschöpflich und deshalb bleibend unverstanden, als eingelöste Wirklichkeit noch vor uns. Das spezifisch Christliche ist fast nur Zusatz, Ferment, Gewürz, Horizont des Denkens und Handelns, selten ihr Integral. Die Kirche (zumal jene der romanischen Länder) weiß das manchmal besser als alle Eiferer und Kritiker. 

Vielleicht ist es angesichts solcher Weisheit und Quellenkunde verständlich, daß selbst der heutige säkulare Staat an Dienst und Einbindung der Kirche in Ethos, Beratung, Fürsorge äußerst interessiert ist und gereizt reagiert, wenn plötzlich im Namen unvordenklicher Einsichten und Prinzipien Widerspruch angemeldet wird. Er ahnt zudem, daß er selbst gar nicht der Heilsbringer sein kann, als der er sich gern ausgibt. Wie wichtig ist da eine Kirche, die den selbstverständlich geltenden Götzen widersteht: dem Körper- und Gesundheitskult, dem Wohlfahrts- und Glücksanspruch, der absoluten Garantie im Blick auf Arbeit und Gelingen des Lebens, kurz dem Regime von wellfare und wellness, das heute alles bestimmt. Und was soll man von dem Gerede um Sozialsolidarität und Werte halten, die als solche noch lange nicht ihre Einlösung und Bewahrheitung garantieren, ja das Gemeinte oft geradezu verhindern? So scheint manchmal ,Rom' ein schärferes Gespür für die notwendige Unterscheidung und kritische Differenz von Staat/Recht und Gesellschaft, Gesellschaft und Kirche zu haben als die allzu sehr auf Integration und Effizienz/Relevanz bedachte deutsche Amtskirche, die damit oft unter die Standards der bereits unter Ambrosius oder Gregor ausgearbeiteten und eingemahnten Differenzen zu fallen droht, von dem entscheidenden Schritt ihrer Entflechtung um 1100 gar nicht zu reden. Und wie schwer ist die Balance zwischen Ermutigung der Forschung und der Wirtschaft und der notwendigen Kritik ihrer oft blinden Eigendynamik gegenüber zu wahren. Auch da mögen die römischen Schreiben und Praktiken hellsichtiger sein als die aufgeklärten Gesellschaften, an die sie sich wen den. Freilich kann man auch Gegenrechnungen aufmachen. Hat die Kirche nicht bis in die 50er Jahre die neuzeitlichen Erfindungen wie Menschenrechte, Toleranz, Religionsfreiheit etc. eher behindert und bekämpft, die sie heute so selbstsicher einfordert? Und wie steht es bei ihr: immer noch ist an eine wirkliche Appellinstanz in der Rechtsprechung, an eine Trennung oder auch nur Unterscheidung der Gewalten in ihrem eigenen Schoß nicht einmal zu denken. So könnte man noch endlos weiterfahren und den bleibenden Wechselgang zwischen (moderner) Geschichte und Kirche beschreiben. Offenbar hat hier niemand Recht, es wäre schon viel, wenn man einsähe, wie notwendig das gegenseitige Hören ist, das freilich nur Sinn hat, wenn die Kirche von ferne her kommt, aus ihren Quellen schöpft, sich vom Heute und ihrer eigenen Botschaft auch etwas gesagt sein läßt, was sie gar nicht hören will, d.h. den dimensionalen Unterschied (der manchmal auch einen Sprung bedeutet) von Natur und Gnade, Glück und Segen, Himmel und Erde erinnerte. 

Der Gratgang und die offene Zukunft

Wir stehen also an einer Wegscheide, wo jedem Christen die Last und das Abenteuer ,stereophonen Hörens' und vielschichtigen, bisweilen gar widersprüchlichen Handelns zugetraut und zugemutet werden muß. Einige dieser Doppelfronten wollen wir noch besichtigen und in ihrem Gewicht und ihrer Reichweite wägen. 

- Volks- oder Minderheitenkirche

Offenkundig setzt die verwaltete Volkskirche eine Selbstverständlichkeit des Glaubens und ein Milieu voraus, die nicht mehr gegeben sind; sie stellt zu viele ungedeckte Schecks aus, für die niemand mehr einsteht, erhebt Forderungen, die Staat und Gesellschaft immer öfter und völlig zu Recht zurückweisen. Die offiziöse Kirche benutzt noch Lautsprecher und Schalltrichter vergangener Christkönigsfeiern und politisch-religiöser Machtdemonstrationen, erhält Institute aus der Zeit, als es Ordensleute im Überfluß gab, gibt Weisungen und verspricht Geleit und Sicherheit, als ob sie noch über geschlossene Reihen verfügte – während all das in sichtlichem Verfall ist. Wäre es da nicht demütiger und mutiger, sich als Minderheit zu bekennen, auf qualifizierte Weise Hörhilfe und Orientierung anzubieten, den Apparat langsam zu verkleinern, dies alles in dem Wissen, daß das Christentum in Westeuropa mit bescheidener und markanter, einfühlender und einer doch ganz eigenen, um ihre Merkwürdigkeit wissenden Stimme zu sprechen hätte. Das schließt nicht die Freude an volkskirchlichen Resten und Formen aus und bedeutet keineswegs den Rückzug auf den Status einer Sekte. Es ist im Gegenteil so, daß im Augen blick, wo die Kirche noch überzogene Ansprüche an sich selbst und die Gesellschaft hat (auch in der Erfassung aller Jugendlichen in Schule und Katechese), sie immer mehr eine Sprache spricht, die niemand versteht, also sektenhafte, hermetische Züge aufweist, obwohl (oder gerade weil) sie ihre Kontur verliert. Von daher der Eindruck der bedrückenden Nichtigkeit, die von vielen Verlautbarungen und Darstellungen kirchlichen Lebens ausgeht. Wie wäre es hingegen, wenn eine hochgemute und gelöste Freude an der sicher schweren Doppelrolle, am Übergang von Noch-Volkskirche und keimender Minderheitenkirche herrschte und man alles unternähme, der letzteren den Weg zu bereiten. Dann erlebte man das Jetzt nicht nur als Abbau, sondern als sehr lästige und doch auch gespannte und lockende Umgestaltung. 

- Kirche und Staat

Auf lange Sicht wird das auf eine weitere Entflechtung von Staat und Kirche hinführen, die für beide schmerzlich, aber wohl unvermeidbar ist und sich im Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzungen anbahnt. Auch da wäre es gut, nicht verbissene Rückzugsgefechte zu führen, sondern von sich aus erste lösende Schritte vorzuschlagen. Wie, wenn man bei der Verminderung der Theologischen Fakultäten mitarbeitete, von sich aus womöglich zu streichende Feiertage (etwa den Pfingstmontag, mit dem kein Liturge etwas anzufangen weiß, Christi Himmelfahrt) benannt oder den Ethikunterricht in Brandenburg als Modellversuch mitgetragen hätte, anstatt in weinerlicher Aggressivität an Besitzständen zu kleben, die längst verloren sind? Eine Haltung, die nun nicht gerade die christliche Botschaft des Verzichts aufleuchten läßt, die man den anderen gern an dient. 

- Fremdheit des Christlichen

Wie, wenn man sich eingestünde, wie wenig die Durchschnittsgemeinde von den zentralen Mysterien des christlichen Glaubens heute bewahrt und bewährt? Im Wesentlichen läuft es auf eine human angenehme Botschaft hinaus, die das mitmenschliche Klima und das Wohlbefinden des Einzelnen im Namen eines geneigten, an jedem/jeder offenkundig unendlich interessierten Gottes fördern möchte. Das ist sicher keine Verfälschung des Credo, aber umschreibt eben doch nur zehn Prozent dessen, was es da von ferne her zu sagen, zu beten und zu begehen gäbe. Solche Eingrenzung findet sich notwendig zu jeder Zeit und bei jedem Menschen. Niemand vermag den unermeßlichen und abgründigen Reichtum des Glaubens erschöpfend oder auch nur geziemend darzustellen und zu leben; stets füllen wir seine strömenden Fluten auf unsere kleinen Flaschen ab. Nur sollte man als aufgeklärter Mensch immerhin wissen, wie wenig das ist und was das Christentum an Motiven, Trost, metaphysischen Einsichten und religiösen Tiefen alles noch bereithielte, wenn man nur in seinem Bergwerk schürfen oder seine Landschaft mit Entdeckerfreude durch streifen wollte. Wir sind also weit entfernt davon, Christen zu sein, sondern werden es allenfalls noch. Von daher die Freude an jedem Glaubens keim, an jedem Zeichen der Präsenz von Sein und Sinn des Göttlichen, von gottmenschlicher Gegenwart in Wort und Lebensgestus. Mehr ist uns Sterblichen nicht gegeben – und es wäre übergenug.

- Gottvergessenheit

„Ich fürchte, daß es Gott nicht gebe," hat Max Horkheimer in einem Interview gesagt. Um Gott bangen, seine Gegenwart vermissen, seine Einsamkeit teilen, nicht von dem Gottgedanken lassen können um der Menschen willen. Denn Er wäre, wenn das Wort ,Gott‘ eine Bedeutung haben soll, die dem Menschen unerschwingliche Versöhnung von Macht und Liebe, Notwendigkeit und Freiheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vor- und Inbild gelungenen und geretteten Lebens. Der heutigen Indifferenz ist zumeist sogar die Sehnsucht nach diesem ganz Anderen versagt, es bliebe uns immerhin die Furcht, daß er nicht sein könne, als letzte und erste Spur, als Fährte, als Hoffnungsschimmer und Horizont auf unserer Lebensfahrt.

- Tradition und gastfreie Aufmerksamkeit

Die Kirche wird im Augenblick von schiefem Traditionalismus ebenso zerrieben wie von einer fast frenetischen Anpassungswut an das Gängig-Läufige. Wie, wenn wir mit Freude auf die vielschichtigen Zeugnisse der großen Tradition hörten, sie neu vernähmen, Freunde unter den großen Theologen und Heiligen hätten, sehen könnten, wie viele Stilformen in Denken und Leben es gegeben hat, wie sehr das Christentum in der Ge schichte der Kunst, Musik, Architektur, Philosophie, mehr aber noch in tausend Formen des Alltags Halt, Trost, Quelle der Inspiration gewesen ist? Mit einem solchen ahnenden Wissen im Rücken könnten wir uns in gastfreundlicher dem ebenso vielfältigen Heute zuwenden, distanziert wägend, geneigt-kritisch kommentierend, aufnahmebereit, wenigstens auf Zeit es mit dem einen oder anderen Zug der Zeit zu wagen. Es braucht da eine Art erlittenen Humors, wenn man nur an die Wandlungen der Kirche in den letzten 40 Jahren denkt. Und wer hätte angesichts solcher Verluste und Befreiungen ein Urteil darüber parat, was nun richtig oder gar wahr wäre? 

- Gastfreiheit und Widerstand

Aus solchem Wissen um die Wechselgänge des Lebens und die Bedingtheit einer jeden Epoche erwächst eine Kraft zum Widerstand gegen die Vergötzungen, die uneingestandenen Dogmen, die jede Zeit in erstaunlicher Weise produziert und denen sie sich gern und selbstquälerisch unter wirft. All die Wellen, die über uns hinweggehen, wie nähmen sie sich aus der Sicht des Evangeliums, der unvordenklichen Weisheit eines Thomas und einer Teresa von Avila oder auch nur Italiens oder Afrikas aus? Was nützt denn unsere Reisewut, wenn wir nicht einmal von außen auf unsere neuhochdeutsche Art zu sprechen, werten und leben schauten, sondern immer nur unserem Tourismus-Ich begegnen? Und vielleicht keimte ja auch Dankbarkeit in unserem Herzen, wenn wir an die Weite und Freiheit unserer Horizonte denken, an die uns wenigstens auf Zeit gestundeten Möglichkeiten, an das weltläufig engagierte, aufgeklärte Christentum, das uns zu leben aufgetragen und gegeben ist. Auch wenn wir nicht wissen, wie lange dieser merkwürdige Zustand unserer Epoche noch währen mag. 

- Lebensweisheit und Ethos

Zum christlichen Wissen um Leben gehört es, daß man seiner Gnade und seiner Last inne ist. Alles ist gewährt, auf Zeit uns zugestanden: Leib und Gesundheit, Sexualität und Intelligenz, Partner, Kinder, Gefährten, Le bensstile; all das ist in Treue entgegenzunehmen, zu wahren, zu pflegen und zu entwickeln, bis auf Widerruf, bis sie uns entzogen werden, sich mindern, zurückzugeben sind. Der Mensch ist begnadet, darin aber auch überfördert und überfordert. Wie wenig kommt er schon mit dem Elementaren zu Rande, mit Zeugung, Geburt, Tod, Erziehung, Treue, der Sprache des Leibes und des Anderen; wie wenig kennt er sich selbst. Er neigt ständig dazu, sich zu unter- oder zu überschätzen, falsch protzig oder depressiv zu sein. Eine solche Zwischenlage kann man nicht allein mit Moralvorschriften und Geboten angehen, wie es die Kirche wohl zu oft getan hat. Es wäre vielmehr eine behutsam und pointiert die Not und Herrlichkeit des Irdischen beschreibende Sprache und Haltung nötig, die den Menschen ermutigte, sein Leben ins Herz zu schließen und in die Hand zu nehmen, seine Kräfte auszuschöpfen, Freude am Leben zu gewinnen, Niederlagen tapfer zu ertragen und alles Weitere dem Gott-Geschick anheim zu geben. Also keine verbietende, aus Ressentiment geborene, auf Symptomjagd gehende Moralverkündigung, sondern eine fördernde, Perspektiven und Mut eröffnende Sprache und Atmosphäre, die auch um das Tragische, von dem alles Menschliche umwittert ist, wüßte. Im Ganzen wird man sagen müssen, daß die Kirche auf fast allen Gebieten da noch nicht zu einem Ton und Stil gefunden hat, der hilfreich wäre. Das Dilemma ihrer Einlassungen auf dem Gebiet des Sexuellen ist ebenso offenkundig wie auf dem der Forschung, des Intellekts oder der sich entwickelnden Lebensstile. Ein wenig heilsame Scham wäre da angezeigt, aus dieser heraus möchte sie dann weise und freigiebig werden, ohne schwächlich und angepaßt zu sein.

- Gesinnung und Verantwortung

Der Doppelblick auf die Wirklichkeit sei noch einmal kurz auf den Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung in der deutschen Kirche gerichtet, in welchem zwei unvereinbare ethische Grundoptionen aufeinander stießen. Die eine hält sich, um im Bilde zu sprechen, an die Unbedingtheit der Antigone, um der Reinheit des göttlichen Gebotes, der Lauterkeit der eigenen Person und der Wirkung auf das Ethos des Staates und der Menschen willen. Für sie ist die auch nur indirekte Beteiligung an einer unerlaubten Handlung auf jeden Fall zu unterlassen, selbst wenn man negative Nebenfolgen (daß einige Kinder nicht vor der Abtreibung bewahrt werden) in Kauf nehmen müsse. Kein noch so guter Zweck heilige zweideutige, d.h. die Eindeutigkeit des Gebots verdunkelnde Mittel. Dies sei das Fundament aller Sittlichkeit von Platon bis Hegel (und R. Spaemann, der diese Position besonders klar vertritt). Die andere, heute mehrheitlich getragene Ansicht meint, in aller Demut um des möglicherweise richtigen Zieles willen (nämlich unentschiedenen und hilfsbedürftigen Frauen beizustehen, die nie zu einer rein kirchlichen Beratung fänden, und so das Leben von Kindern zu retten) einen Kompromiß mit Kreon eingehen zu müssen. Und was hat die heroische Konsequenz der Antigone schon geholfen; hat sie nicht sich selbst, ihren Bräutigam und Kreon ins Unglück gestürzt? Aber was hätte es für das Gemeinwesen bedeutet, wenn sie sich gefügt hätte? Wir wissen es nicht. In Deutschland werfen beide Seiten einander vor, wirkliche Hilfe zu verhindern, indirekt an der Tötung Unschuldiger mitzuwirken und das sittliche Empfinden zu unterwandern. Da sieht man die Tiefe und Unlösbarkeit des Konflikts – wenn die Frage einmal explizit gestellt ist. Genau das hätte vielleicht nicht geschehen sollen. Denn nur selten darf der Sterbliche sich die Frage nach dem letzten Grund und Motiv des Bestandes seiner Praxis, seiner Ehe oder des Berufs stellen, weil diese damit fast immer dem Nichts, der Fährlichkeit und Unlebbarkeit preisgegeben sind. Nur von fern wird er der Zerbrechlichkeit und Fragwürdigkeit wie des seine Existenz trotz allem tragenden Segens inne sein. Es wäre so wohl besser gewesen, demütig auf einige Zeit noch die geltende Praxis zu teilen, um ihre Zweideutigkeit wissend; ist man nämlich einmal unerbittlich vor die Alternative gestellt, so kommt es zu einem Schwur, dem niemand gewachsen ist, und alle stehen bloß und beschämt da. Selten bietet das Christentum deshalb endgültige „Lösungen", vielmehr weiß es, daß im Großen noch ein Fluch und im Unheil noch Segen walten kann. 

Wenn man vom Gesagten her auf die heutige deutsche Gesellschaft und Seelenlandschaft, endlich gar auf die offiziöse kirchliche Praxis blickt, werden viele von Trauer und hilfloser Wut übermannt. Aber es gibt auch die reinigende Gabe der Tränen, einer gespannten, erwartungsfrohen Ratlosigkeit, die hellsichtig um Größe und Elend der Lage weiß und sich anschickt, sie tapfer, mit Würde und Entdeckerfreude zu bestehen. Denn woher sollten Weisung, Halt, Trost, Hoffnung kommen – wenn nicht aus der Geschichte und Weisheit eines in aller Bescheidenheit gelebten, nüchtern und tief bedachten Christentums? 

Aus: Briefe aus der Abtei Gerleve, 3/2001