SCHRIFTLESUNG

„Füllet die Krüge mit Wasser!" (Joh 2,1-11)

Ein Text hat nicht nur einen Zugang. Er ist ein offenes Gebilde, das zum Eintreten von allen Seiten auffordert: er ist wie ein Haus, das man durch viele Türen betreten kann. Im Folgenden sollen vier Annäherungen an Joh 2, 1-11 versucht werden: vom literarischen Kontext, von der Intention des Textes, von unserer Lebenswirklichkeit und vom Beten her. 
Alle vier Evangelien erzählen von den Anfängen des öffentlichen Wirkens Jesu. Besonders eindrücklich ist dabei die Darstellung in Joh 1, 18 - 2, 11: Der vierte Evangelist ordnet die einzelnen Geschehnisse dem Zeitraum einer Woche zu (vgl. 1, 26. 35. 43; 2, 1). Tag für Tag tritt Jesus deutlicher in das Licht der Öffentlichkeit: 1,19-28 wird er angekündigt, 1, 29-34 vom Täufer identifiziert; 1, 35-42 schließen sich ihm Jünger des Johannes an; 1, 43-51 beruft er selbst Jünger. Am siebenten Tag – dem „Sabbath" jener ersten Woche – offenbart er in Kana vor den Jüngern seine Herrlichkeit (2, 1-11). Der gesamte Abschnitt ist dabei hintergründig von der Frage bestimmt: „Bist DU es?" So fragt das Volk den Täufer. Der aber verweist auf den Kommenden, der noch unbekannt unter den Menschen steht und den er schließlich geheimnisvoll als „Lamm Gottes" bezeichnet. Unausgesprochen bewegt dieses „Bist DU es?" die Berufung der Jünger. In der übergroßen Weinspende findet diese Frage – „Bist DU es?" – eine erste Antwort (2,11). Der Leser, der sich der Geschichte von der Hochzeit zu Kana vom literarischen Zusammenhang her „nähert", bringt diese Frage mit: „Bist DU es?" Er nimmt auf, daß es die entscheidende Frage jedes Jüngers und damit auch seine eigene ist. Er wird freilich auch aufnehmen, daß das Zeichen von Kana nicht das Ziel des Weges ist, sondern nur der „Anfang der Zeichen" – die Eröffnung eines weiten Weges. 
Die Geschichte von der „Hochzeit zu Kana" ist eine der bekanntesten Perikopen des Neuen Testamentes. Sie hat auch deshalb besondere Bedeutung erlangt, weil das vierte Evangelium sie ausdrücklich mit dem Anfang Jesu in Verbindung bringt: „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa..."(2,11). Für das rechte Verständnis ist allerdings zu beachten, daß da nicht vom ersten „Wunder", sondern sehr bewußt vom ersten „Zeichen" die Rede ist. Der Evangelist stellt klar, daß es nicht um Äußerlichkeiten, auch um außergewöhnliche Geschehnisse, sondern um den Verweis auf eine größere Wirklichkeit geht. Nicht die übergroße Weinspende steht im Zentrum des Interesses, sondern DER, der sich in diesem Geschehen seinen Jünger als der Kommende offenbart. Das eigentliche Wunder ist die Selbstkundgabe Jesu – seine Epiphanie. Neuere Kommentare sprechen deshalb statt von der „Hochzeit zu Kana", eher vom „Wunder der Epiphanie" (R. Bultmann), von der „ersten Selbstoffenbarung" Jesu (J. Becker) oder vom „Anfang der Zeichen" (L. Schenke). Für den Leser ist damit ein Horizont eröffnet, der ihn über Joh 2, 1-11 hinausführt - zum immer neuen Wunder der Epiphanie auf seinem Weg. 

Eigentlich ist Joh 2, 1-11 keine richtige Geschichte - oder zumindest eine nur sehr zurückhaltend erzählte. Dabei hätte das Zeichen in Kana eigentlich den Stoff zu einer dramatischen Story bereitgestellt: Der Evangelist hätte mit großem Gestus erzählen können, wie der Wein ausgeht und die letzten Krüge hervorgeholt werden. Die Ratlosigkeit der Gastgeber hätte ebenso wie der wachsende Unmut der Gäste eine wirkungsvolle Folie für Marias Bitte und das Wunder Jesu inmitten der Festversammlung abgegeben. Mit dem Verweis auf die Begeisterung der gesamten Hochzeitsgäste und ihre Scheu, von dem ihnen auf so wunderbare Weise zugekommenen Wein überhaupt zu trinken, hätte die Erzählung dann einen angemessenen Schluß gefunden. 
Angesichts dieser Möglichkeiten des Stoffs wirkt der Evangelientext geradezu karg. Mehr noch: Er erzählt nur in Andeutungen, bisweilen auch verworren und spart gerade jene Dinge aus, denen der Leser besonderes Interesse entgegenbringen würde.

Nicht erzählt ist das Wunder: das zwingende Wort, die machtvolle Geste, die Wasser in Wein wandelt. Nur vom Bereitstellen das Alltäglichen ist die Rede: vom Schöpfen des Wassers in die Krüge. Und dann wird lapidar konstatiert, daß dieses Alltägliche als köstlicher Wein neu geschenkt ist.

Verworren erzählt ist die Intervention Marias, die harsch abgewiesen wird, was den Leser verwundert fragen läßt, ob Jesus sich der Not der Menschen entziehen will? Gerade so aber nimmt er wahr, daß es für Jesus um mehr geht als den Mangel an Wein, der ihm von Maria angezeigt wird.
Den Erwartungen des Lesers entspricht nicht, daß der öffentliche Beweis nicht erzählt, objektiv Ausweisbares nicht berichtet wird und alles im Halbdunkel verbleibt. Gerade so aber wird er darauf gestoßen, daß der Text keine fertige Geschichte erzählt, sondern nur deren Elemente bereitstellt, damit er aus ihnen seine Geschichte zusammenfüge: 


Selbstverständliches stellen wir bereit:
aufbrechen,
zusammenkommen,
dasein,
hören,
sehen,
verstehen,
reden,
erzählen,
erinnern,
essen,
trinken,
weggehen.

Und immer wieder wandelt ER das Wasser in unseren Krügen 
zu köstlichem Wein.

Michel Quoist hat gezeigt, wie man 
Joh 2, 1-11 beten kann:

Herr, ich habe Zeit,
Ich habe meine Zeit für mich,
Alle Zeit, die Du mir gibst,
die Stunden meiner Tage,
die Tage meiner Jahre,
Sie gehören alle mir.
An mir ist es, sie zu füllen, ruhig und gelassen,
Aber sie ganz zu füllen bis zum Rande,
Um sie dir darzubringen, 
damit du aus ihrem schalen Wasser 
einen edlen Wein machst, 
wie du es einst tatest, 
zu Kana, für die Hochzeit der Menschen."

Claus-Peter März