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Klaus Berger, Universität Heidelberg
Zur Situation der Katholischen Kirche in Deutschland
Aus Anlaß des 25. Todestages von Julius Kardinal Döpfner veranstaltete die Katholische Akademie in Bayern in Zusammenarbeit mit der Erzdiözese München-Freising ein Symposion zum Thema „Katholische Kirche in Deutschland. Eine Ortsbestimmung". Der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger skizziert die Lage der Kirche aus seiner Sicht – provozierend, zum Nachdenken anregend und zum Widerspruch reizend.
Vom Ende der Durststrecke
Die Talsohle der Kirchenkrise ist offenbar durchschritten. Zwei Schlaglichter aus dem Orden der Zisterzienser, dem ich seit Jahren eng verbunden bin, mögen dieses erhellen: zum einen das Wunder von Helfta in der Lutherstadt Eisleben. Dort, wo Wirtschaft und Kirche längst tot zu sein scheinen, wo noch „DDR pur" dahinwest, kann sich das Kloster der Hl. Gertrud vor Nachwuchs kaum retten, zu fast jedem Stundengebet ist die Kirche halbvoll von Menschen. Und zum anderen: Unser Abt vom Stift Heiligenkreuz bei Wien wurde jüngst in der Konferenz der Ordensoberen im fernen Österreich gefragt, warum sein Kloster reichlich Nachwuchs habe, andere aber gar nicht. Seine Antwort: Weil wir Ordenskleidung tragen auch, wenn wir unterwegs sind, und weil wir hinter dem Papst stehen.
An den Ressourcen orientiert
In seinem Buch „Der blockierte Riese" hat Manfred Lütz jüngst den Vorschlag gemacht, es in Sachen Kirche zu halten wie die neuere Psychiatrie: Wenn man fragt, woran leiden sie, dann bekommt man endlose Litaneien zu hören, und alle anderen sind schuld. – Wenn man dagegen fragt: Wie haben Sie das nur so lange aushalten können? dann sprechen die Menschen über ihre Ressourcen, über die Kraft, die sie am Leben erhält. – Und welches sind unsere Ressourcen?
Als Neutestamentler bin ich sozusagen Kellermeister unserer Hauptressource, und wer einst wie ich Heinrich Schlier in diesem Haus erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Doch Gestalten wie Heinrich Schlier und Josef Blank waren Ausnahmen.
Was im übrigen Exegeten zum Neuen und zum Alten Testament sagen, das ist aus meiner Sicht ganz wesentlich verantwortlich für den Zustand der Kirche. Die meisten Theologen ziehen sich bei der Exegese eine lebenslängliche chronische Erkältung zu, denn die Exegese findet immer heraus, daß angeblich alles das nicht stimmt, was wir glauben. Und wenn das Herz der Kirche so zerfasert ist, wie kann sie da leben? Niemand, ich schon gar nicht, will auf die Einsichten der historischen Exegese verzichten. Aber die Zukunft liegt eindeutig bei einer Auslegung der Schrift, die nicht immerzu die Bibelkritik zum Instrument der Kirchenkritik macht. Das sieht dann so aus: Wenn der Exeget meint, ihm hinge Liturgie zum Halse heraus, wird er flugs behaupten, Jesus sei nie im Tempel gewesen und habe den ganzen Kult abschaffen wollen. Wenn ihn autoritär verordneter Wunderglaube stört, erklärt er, Lazarus habe gar nicht gelebt, damit eben Joh 11 nicht passiert sein muß. Wenn jemand sich über den Papst ärgert, erklärt er das Wort an Petrus für unecht. Wenn jemand gern geheiratet hätte, erklärt er das anstößige Eunuchenwort Jesu für nicht authentisch. Und wenn jemand – irrtümlich – meint, Marienverehrung belaste die Ökumene, dann wird schnell darauf hingewiesen, die Empfängnis durch den Heiligen Geist stehe nur in zweien der vier Evangelien. Und außerdem sei sie nicht mehr zeitgemäß. Ich pflege dann immer mit einem Tauschangebot zu antworten: Auch das Vaterunser steht nur in zwei Evangelien, zufällig in denselben. Wenn ihr das Vaterunser aufgebt, gebe ich Mariae Verkündigung auf.
Besonders stark wird das Gottesbild manipuliert. Angesehene katholische Theologen schrecken nicht davor zurück, alle Gerichtsaussagen in der Verkündigung Jesu für spätere Eintragungen und Verfälschungen zu halten. Dabei bezeichnet sich Jesus ausdrücklich nicht als Friedensapostel. Die Zertrennung der Beziehungen jetzt soll der sonst fälligen Zertrennung im Gericht präventiv vorausgehen. – Wer den Gott der Bibel auf das eine Attribut therapeutischer Liebe festlegt, trägt die angeblichen Bedürfnisse einer hedonistischen Wohlfühlgesellschaft gewaltsam in die Bibel ein. Wer so mit dem Gottesbild umgeht, weckt Erwartungen, die die Kirche nicht erfiüllen kann, weil doch auch Gott selbst diese Wünsche nicht erfüllen will. Hier geht es um direkte Folgen einer zweifelhaften Spiritualität für das Verhalten zur Kirche. Oft kommen Menschen zu mir und sagen: „Ich trete aus der Kirche aus, weil Gott unsere Oma hat sterben lassen. Einen solchen Gott kann ich nicht unterstützen." – Aber wer hat den Leuten denn eingeredet, daß Gott so sei? Wer hat ihnen denn weismachen wollen, Jesu Wort vom notwendigen Hassen der Familie und seiner selbst sei unecht?
Und die Anrede Gottes als Mutter ist nichts weiter als ein feministisches Eigentor. Jesus redet deshalb Gott mit „Vater" an, weil es dringend notwendig ist, in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der alles Unheil von Vätern und sogenannten Onkels ausgeht, einen neuen, ganz anderen Vater zu finden. Wer Gott als Mutter anredet, bekennt damit, daß in der bestehenden Gesellschaft alles Unheil von Müttern und Tanten ausgeht, so daß die Mütter unbedingt ersetzt werden müssen.
Liebe Reformkatholiken, verschont uns mit euren Versuchen, all das für unecht oder unhistorisch zu erklären, was im Neuen Testament auf ein differenziertes Gottesbild, auf Kirche und den Glauben an den dreifaltigen Gott hinweist. Die Zukunft gehört eindeutig einem schonenderen Prüfverfahren, das die Fremdheit der Texte achten kann, damit es den Studierenden mehr so ergeht wie den Jüngern von Emmaus, denen das Herz brannte.
Emanzipation der mystischen Fakten der Bibel
Die Zukunft gehört einer Exegese, die in der Lage ist, die mystischen Fakten als eigenständige Wirklichkeit anzuerkennen, die also Auferstehung, Wunder und Himmelreich nicht so weit reduzieren muß, daß sie nur Anhängsel psychischer oder sozialer Fakten sind. Ich meine damit eine Emanzipation des unsichtbaren, aber wirkmächtigen und sehnsüchtig gesuchten Bereiches Gottes. Das bedeutet: Der Bereich des Heiligen ist nicht irrational und subjektiv, und eine aufmerksame und nicht-reduktionistische Exegese liefert hier eine ganze Landkarte möglicher Lebensvollzüge zwischen Gott und Mensch. Zum Beispiel ist der Einigkeit mit Gott im Glauben und unter Menschen in der Versöhnung die Schöpfermacht Gottes selbst zugesagt. Zum Beispiel zielt Gottes Offenbarung auf die Erfassung, Heilung und Verwandlung menschlicher Leiblichkeit. Und es besteht ein Zusammenhang zwischen Sprache und Gebet überhaupt. Also eine Wirklichkeit, in der das Kausalgesetz im Sinne der hinreichenden Ursache nicht gilt. Mystik bedeutet nicht Subjektivität, sondern eine eigene Wirklichkeit, in die Visionen und Wunder, Schöpfung, Jungfrauengeburt, Auferstehung, Engel und Teufel gehören. Ihre Logik ist kommunizierbar, einsehbar und wissenschaftlich beschreibbar. Es geht darum, diese als Exeget nicht einfach zu negieren, sondern darüber sprachfähig zu werden. Das wäre ein spezifisch katholischer Beitrag im Bereich der zu 100% dominierenden liberalen protestantischen Exegese.
Katholische Theologie in Deutschland
Ich bin erschrocken darüber, wie zerspalten gerade die aktiven Katholiken und dann noch einmal die Katholiken rechts von der Mitte sind. Es ist immer wieder die Spaltung zwischen Traditionalisten und Reformisten. Dabei entsprechen die Reformisten etwa dem, was zu 80 bis 90 Prozent an katholischen Fakultäten gelehrt wird. Und das ist ein irenischer, aufgeklärter Rationalismus – ohne ernstzunehmenden Bezug zur ganzen Bibel; eucharistische Frömmigkeit und Marienverehrung sind abhanden gekommen. Aus moralischen Gründen ist man antipäpstlich, antihierarchisch und oft antikirchlich. Diese oftmals interreligiös begründeten Positionen finden sich besonders oft auch im Apparat der kirchlichen Angestellten und bei Pfarrern zwischen 45 und 65. Es gehört oft zum, guten Ton, gegen die Kirche zu sein. Wer nicht gegen die Kirche ist, kann nichts werden.
Zum Beleg für die Zustände an den katholischen Fakultäten nur wenige Fragen: Wo ist die eucharistische Frömmigkeit geblieben? Irgendjemand hat den Menschen eingeredet, aus Rücksicht auf die Protestanten dürfe man nicht mehr an die Gegenwart Jesu in Brot und Wein glauben. In vielen Pfarreien werden seit Jahren keine Sakramentsandachten mehr gehalten, in sehr vielen Kirchen ist der Tabernakel schamhaft in die Ecken abgedrängt. – Und zweitens: Die Vereinigung deutschsprachiger katholischer Systematiker hat jüngst erklärt, sie entschuldige sich bei den Protestanten für „Dominus Jesus". Das nenne ich „katholische Weicheier". Kein Protestant wird dieses ernsthaft würdigen wollen und können. Denn man kann froh darüber sein, daß die Diskussion über Kirche" endlich ehrlicher wird.
Zur Diagnose: Daß der Mangel an Priesternachwuchs am Zölibat hinge, ist im wesentlichen eine Ausrede. Vielmehr: Es stimmt mit der Theologie das meiste nicht. Sie ist seicht aufklärerisch und naiv angepaßt. Die Heilmittel liegen auf der Hand: biblischer und urkirchlicher Pfeffer, Freude am Glauben und apokalyptische Distanz zur Gesellschaft, und wie wäre es mit einem Schuß Radikalität?
„Apokalytische Distanz", weil die Nähe zum Staat zu groß ist. „Freude am Glauben", weil es im Evangelium heißt: Voll Freude ging der, der den Schatz im Acker gefunden hatte, hin und gab alles auf, was er hatte. Ob man den Zölibat schafft, das ist ein Indikator für die Freude am Glauben. – Eine erneuerte Theologie stelle ich mir vor als monastische Theologie und eben nicht nur als Neuauflage der Scholastik. Meine Fragezeichenbücher („Wer war Jesus wirklich?", „Darf man an Wunder glauben?" usw.) sind als Beiträge zu monastischer Theologie gedacht.
Nun werden meiner These von der „erneuerten Spiritualität" sicher fast alle zustimmen können, weil es sich da um etwas Schwammiges zu handeln scheint, die These aber, mit der Theologie stimme das meiste nicht, werden Theologen, Apologetik gewöhnt, bestreiten. Doch die Spiritualität ist nicht zu haben ohne eine zugehörige Theologie. Und genau das habe ich seit meiner Jugend entbehrt.
Schon als ich Theologie studierte, wurden Spirituale in den Priesterseminaren als Witzfiguren geführt. Ihre Rolle entsprach ungefähr der des Zeichenlehrers an einem Gymnasium voll rotzfrecher Buben. Die Unterstützung durch die Regenten war halbherzig. Das wäre ein Heilmittel: Die jungen Menschen zu faszinieren durch den Reichtum, den Liturgie und Väter in spiritueller Hinsicht bieten. Bei meinen protestantischen Hörern in Heidelberg ist wenigstens die Frage aufgebrochen. In einer Kirche mit durchschnittlich einem Prozent Gottesdienstbesuch entdeckt man plötzlich, daß das Überleben von der Spiritualität abhängt. Geradezu verzweifelt sucht man danach, reist nach Taize, um wenigstens „Zisterzienser light" zu erleben.
Ein Ärgernis sein
Die Kirche der Zukunft wird wieder Kraft dazu haben, das Ärgernis der Botschaft auszuhalten und zu vertreten. So wie sie dem Zeitgeist widerstanden hat und unter großen Opfern daran festhält, daß Jesus die Ehescheidung nicht will. Wie leicht hätte sie es sich machen können. Doch es hat schon seinen Sinn, weshalb Jesus insgesamt fünfmal sagt, daß er Scheidung nicht will. Kein Wort ist so häufig belegt wie dieses. Denn Jesus sieht in der Treue zwischen Mann und Frau Abbild und Konsequez der Treue Gottes zu seinem Volk, die seit alten Zeiten im Bild der Ehe gesehen wird.
Geistliche Zentren
Kirche der Zukunft wird kaum noch flächendeckend die Menschen mit Pfarreien versorgen können, sondern sich wie vor 1200 Jahren auf geistliche Zentren beschränken müssen. Erfahrungen mit den streng kontemplativen Orden zeigen es: Spiritualität lebt nicht ohne Träger, um die kontemplativen Klöster werden sich Gemeinden der Zukunft scharen, weil diese selbst ein Stück Verweis auf die geheimnisvolle Mitte sind. Es werden Gemeinden sein, die strikt auf das Wesentliche beschränkt sind, Gottesdienst und Seelsorge; dazu gehört es zum Beispiel Hausbesuche zu machen, ganz altmodisch, gewiß. Wie wäre es, wenn wir nur noch das Wesentliche tun könnten? Ohne die tausend Verzettelungen. Vielleicht würde es uns gut tun.
Charismatische Einzelfiguren
Die zweite Säule neben den geistlichen Zentren werden charismatische Figuren sein, wie Julius Döpfner eine war. Um solche Männer und Frauen kann man nur beten. Man sollte sie nicht nur im Klerus suchen. Früher nannte man solche Figuren Heilige. Die Kirche braucht sie notwendig. Übrigens ist das wohl der Hauptgrund, weshalb von 100 000 Besuchern der evangelischen Kirchentage jeweils 30 000 katholisch sind, eben weil sie Frau Schottroff und Frau Käßmann, Frau Sölle und Frau Jepsen für Prachtexemplare halten, die man unbedingt gesehen und gehört haben muß, dazu auch männliche Gegenstücke wie Drewerrnann, Steffenski und Anselm Grün. Von diesen Figuren leben die Jugendlichen, und wir sollten das ganz nüchtern neidlos wahrnehmen. Kirche der Zukunft nimmt die charismatischen Gaben vieler Laien ernster.
Katholischer Modernismus als Falle
Die Zukunft der Kirche liegt darin, daß sie sich auf erzkatholische Elemente besinnt. Und das ist immer eine Sache des Bodenpersonals. Jede Unsicherheit, jede versteckte Nörgelei, alles, was nicht freudigen Herzens und mit Überzeugung getan wird, merken die Menschen zum Beispiel dem Leiter des Gottesdienstes sofort an. – Und der ungeheure Druck der Mitbrüder und Kollegen in Richtung Modernismus ist eine einzige große Mobbing-Veranstaltung. Denn wer will schon gerne als reaktionär verschrieen sein, wo doch modern sein alles ist. Das ist geradezu die Definition eines Theologen: Ein Zeitgenosse, der immer versucht, auf den letzten Wagen des Zuges der Modernität noch aufzuspringen – und die Lokomotive ist doch oft schon ganz woanders. Das Verb „glauben" wird immer mit dem Wörtchen „noch" verbunden. Sag bloß, du glaubst noch an Jungfrauengeburt? noch an Auferstehung? Neulich hat jemand vorgeschlagen, die Botschaft von Jesu Kreuz und Auferstehung müsse unbedingt modernisiert werden. Soll also Jesus an Schlaftabletten gestorben sein?
Es gibt Dinge, die so altmodisch sind, daß sie schon wieder modern sind. Und zur katholischen Religion gehören eben Weihrauch und Prozession, Wallfahrt und Marienfest, Rosenkranz und Priesterkleidung auf der Straße. Die evangelischen Brüder und Schwestern entdecken jetzt alles das wieder, was wir haufenweise zum Fenster hinauswerfen. Treue zur Identität bedeutet nicht starre Geschichtslosigkeit, sondern ist auch die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen Standbein und Spielbein, zwischen Grundsatztreue und Seelsorge. Aber das, was in der Gegenwart geschieht, ist nicht irgendein notwendiger Wandel, da würden die Leute nicht austreten, sondern Selbstsäkularisierung und Selbstbanalisierung, der Verlust des Charakters als Religion. Und zur Religion gehören Kult und Mystik, Schönheit und Askese, Mönchtum und Beten, Kultsprache und liturgische Gewänder, Gottesdienst feiern können. Warum ich da so konservativ bin? Weil trinitarischer Glaube ultimative, unüberholbare Präsenz des Heiligen Geistes bedeutet. Oder um mit dem Protevangelium des Jakobus zu sprechen: Als Jesus geboren wurde, als Gott in die Welt eintrat, hielt die Schöpfung den Atem an. So ist das, wenn der Himmel die Erde küßt, eine märchenhafte Zeitlosigkeit. Die Kirche der Zukunft wird auch über die Frage Klarheit gewinnen müssen, ob sie sich als Konfession unter anderen versteht oder als Kirche Jesu Christi. An der innerlich fast vollständig protestantisierten kath. Kirche der Schweiz kann man gut erkennen, wohin es in der Praxis führt, wenn Ökumenismus zur Falle wird, wenn er auf Dauer nur das gemeinsame Minimum zuläßt. Und das sind meist dürre Formeln, aber nicht ein Leben aus dem vollen.
Man kann der Meinung sein, das zentrale Problem der Zukunft sei das Verhältnis der Kirche zu anderen nichtkatholischen Christen und zu anderen Religionen. Viele setzen hier auf Formelkompromisse oder das Projekt Weltethos. Ich halte beides für illusionär, für Konstruktionen im dritten Himmel. Katholiken pflegen hier anderen jeweils mehr als genug entgegenzukommen, aus Minderwertigkeitsgefühl und schlechtem Gewissen. So entsteht der Eindruck, sie würden sich eines Tages auch bei der Interkommunion über den Tisch ziehen lassen und auf die Wahl des nächsten Papstes vielleicht anständigerweise überhaupt verzichten.
Aus dem Neuen Testament sind ähnliche Krisensituationen der frühen Krche bekannt. In allen diesen Situationen hat sich die Kirche vor Schaden bewahrt, indem sie sich am Judentum orientiert hat. Das heißt auf deutsch: Verschleudert nicht eure Identität, ihr könnt nur liebevoll mit anderen reden, wenn ihr eure eigenen Schätze für kostbar haltet. Es gibt einen berechtigten Hochmut des Glaubens, und es gibt einen legitimen Stolz zu einer Kirche zu gehören, die noch immer die Kirche der großen Heiligen ist.
Eine missionarische Kirche
Wenn Mission zum Erliegen kommt, ist das ganz bedenklich. Damit meine ich nicht Bekämpfung ehrwürdiger Religionen, sondern zum Beispiel Nord- und Ostdeutschland. 20 Prozent Christen im Hamburg Altona, 12 Prozent in Magdeburg. Deutschland ist Missionsland. Die Esoteriker und Neobuddhisten haben den großen Zulauf, weil die Menschen dort Spiritualität suchen, die sie in der Kirche nicht finden. Das muß man sich vorstellen: In der Kirche, die Theresa von Avila und Franz von Assisi hervorgebracht hat. Ich kann da nur wieder auf den galoppierenden Rationalismus der Theologen verweisen. Die Quittung liegt längst vor.
Eine missionarische Kirche muß eindeutig sein. In dieser Hinsicht ist das Ergebnis des Streites um die Schwangeren-Konfliktberatung in der kirchenfernen Öffentlichkeit ein nochmaliger starker Autoritätsverlust der Kirche.
Katholisches Christentum als Religion
In der Kirche der Zukunft werden daß die Menschen die Dimension des Heiligen und des Geheimnisses wiederentdecken. Christentum ist eine Religion und eben nicht eine ganz vernünftige Sache. Der Gottesdienst ist keine didaktische Veranstaltung, zu deren Beginn man die Leute dazu begrüßen und beglückwünschen muß, daß sie trotz des guten oder je nachdem schlechten Wetters gekommen sind. Die Leute wissen schon, wozu sie gekommen sind, aus Sehnsucht nach Gott, aber nicht zu albernen Psycho-Hilfen. Viele kommen sich vor wie im Kindergarten, mit Spielchen veralbert.
Die Mitte ist die Liturgie mit ihrem Schatz an Spiritualität. Lesen sie doch einmal das Corpus Praefationum! Und – um an den Anfang zurückzukehren – auch die Exegese der Zukunft wird sich diese Schätze aneignen.
Zum Beispiel nach diesem Text aus den mittelalterlichen bischöflichen Segensgebeten:
Laß, Herr, die herrliche Schönheit
des himmlischen Jerusalem
an deiner Kirche sichtbar werden.
Laß deine Kirche das Wunderwerk
aus Gold und Perlen, als das es beschrieben wird,
wahrnehmen und in die Tat umsetzen.
Denn auf seinen himmlischen Fundamenten
sollen wir die Mauersteine sein,
durch Liebe zusammengehalten,
so daß wir zusammen mit Jesu Auserwählten
diese Stadt erben.ZUM WEITERDENKEN
P. Elmar Salmann OSB, Gerleve – Rom
Die verkehrte Kirche – einmal andersherum gesehen
Mut zur Minorität
Nicht immer nahm sich die Kirche so unansehnlich aus wie im Westeuropa der letzten 30 Jahre. Nach den drei sanften Revolutionen des Konzils, von 1968 und 1989 scheint sie zwischen allen Stühlen zu sitzen: den Frommen ist sie nicht fromm und sakral, den Liberalen nicht liberal, den Engagierten nicht sozial genug, den Basisgemeinden noch zu verwaltet, den Lebenslustigen zu moralisch, Esoterikern und Sinnsuchern zu nüchtern, im Ganzen merkwürdig altbacken und modern angemalt zugleich, so daß sich bald kaum noch einer in ihr zu Hause fühlt. Es fröstelt alle, die nur an sie denken, Priester, Laien, Feministinnen, Altfromme und Neuaufgeklärte; man fängt an, sich dafür zu entschuldigen, wenn man noch katholisch ist.
Freilich, es ist das gesamte Glaubensbild und -gefüge, das langsam und unmerklich seine Leuchtkraft und Überzeugungsmacht einbüßte. Zwar verlor man den Glauben nicht plötzlich wie einen Schlüsselbund oder eine Geldbörse, er hörte nur nach und nach einfach auf, dem Leben Halt und Form zu geben; er wurde unwirklich, chimärisch, Gegenstand von Erinnerung an entlegene Kindertage, an Meßdienerstunden, erhebende Liturgien und Beichtstuhlqualen. Urschichten der Seele und soziale Visionen mochten ihm und der Kirche noch anhängen, aber der Alltag und das mittlere, die Identität tragende Bewußtsein wußte kaum noch, worum es bei den Gebeten und Worten ging, die wie erfrorene Vögel von den (abgeschafften) Kanzeln fielen. Das Empfinden der Befreiung, des Aufatmens, das den Katholizismus in seiner Mehrheit in den Jahren 1959 bis 1966 beseelt hatte, war in Überdruß umgeschlagen. Die Kirche war zum kleinen bucklichten Zwerg geworden, immer wehleidig schimpfend und doch falsch angepaßt, bisweilen noch heinzelmännchenartig hilfreich und nützlich, keinesfalls aber eine Identifikationsfigur mehr.
Letztlich mögen wohl Gestalt und Horizont Gottes selbst sich verdunkelt haben. Unter der Flut und Last der Fernsehinformation, die tagtäglich eine unerhörte Masse an Dummheit, Sensation und grausigen Nachrichten aus aller Welt in jede Seele spült, hat in einem Land, das einen geschichtlich unausdenkbaren Stand an Sicherheit und Wohlfahrt bietet, die Theodizeefrage jedes Gottvertrauen unterhöhlt. Oder vielleicht ist beides zusammengetroffen: der Lebensstandard und die aus Übererfüllung aller Erwartungen und der schrecklichen Unübersichtlichkeit der Welt resultierende Melancholie haben die Möglichkeit, mit einer Gegen wart Gottes zu rechnen, einfach weggespült. Vilma Sturm hat am Ende ihrer Autobiographie ,Barfuß auf Asphalt‘ diesen fast unmerklichen und doch unerbittlich wirkenden Vorgang versucht zu beschreiben: „Ich blieb in der Agneskirche zu Hause, fand dort mein Genügen, für eine Weile noch. Dann ging das zu Ende. Dann glitt ich, wie ein Boot, ohne Segel, ohne Ruderschlag, nur von der Strömung getrieben, fort... Gewiß lag das nicht an diesem oder jenem Versagen der Kirche; die war uns ja lange schon, bis auf den Papst Johannes, eher gleichgültig gewesen, eine zum Widerspruch herausfordernde Institution. Aber warum wandten wir uns mit der Zeit auch von Gemeinde und Gottesdienst ab, damit auch von Bibel und Gebet, damit schließlich überhaupt von jeglicher ausdrückbaren Frömmigkeit? Ich weiß es nicht. Ich befinde mich mitten in einem Prozeß der Ablösung, die an mir geschieht, ohne daß ich es will."
So steht die Kirche als überlebte, unwirkliche und doch noch irgendwie bedrückende Altlast da, die man eher mürrisch duldet und von der man sich jede Einrede verbittet, obgleich man sich immer noch mehr von ihr erhofft als von allen anderen Institutionen. Da kann sie eigentlich nur versagen...
Widersprüche und Umkehrungen
Und doch ist das bisher gezeichnete Bild einseitig. Nie hat das bei uns so viel geschmähte Papsttum weltweit eine solche moralische Autorität besessen (wer könnte da auch nur von ferne als Konkurrent in Frage kommen, der Generalsekretär der UNO etwa oder jener des ökumenischen Rates in Genf, dessen Name kaum jemand kennen wird?), nie sind so viele Staaten und Organisationen so oft und intensiv die Kirche um Rat, Orientierung, Beistand angegangen, selten war sie weltpolitisch so präsent, bisweilen in revolutionärer Weise, von der Auflösung des Ostblocks bis zu den zahllosen Initiativen in Afrika, Asien, Lateinamerika. Wer vermochte die dankbaren Völker und Staaten, die Menschen von Litauen bis Mozambique zu zählen, die hier Halt und Mut gefunden haben? Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten daran denken können, daß ein Papst Synagogen aufsucht, mit Würdenträgern anderer Religionen betet, in Kuba und Paris etwas zu sagen und bedeuten hätte? Der Hüter der Orthodoxie im Gewand der neuen Unbefangenheit?
Wenige in Deutschland wissen zudem, wie wichtig Rom als Schaltstelle der Begegnung von Kulturen ist. Die Unierten aus Syrien und der Ukraine (für die Johannes von Damaskus, ein Kirchenvater des 8. Jh., die letzte dogmatische Instanz ist), Christen aus Korea oder Afrika, denen die Kirche Garant der Modernisierung, einer Synthese aus Aufgeschlossenheit und Religion bedeutet, Menschen aus Ländern, wo Engstirnigkeit und Verfolgung herrschen, treffen auf Westeuropäer und Nordamerikaner, da hat ,Rom' die Funktion, die vielen Ansichten und Erfahrungen füreinander übersetzbar zu halten. Ironisch könnte man sagen, daß sich die von Grünen so herbeigewünschte multikulturelle Gesellschaft in Rom schon lange verwirklicht (übrigens auch während der Weltkriege, wo selbstverständlich Alliierte und Deutsche in den Konventen miteinander lebten). Das alles mag damit zusammenhängen, daß eine uralte Religion nie ganz auf der Höhe (oder Tiefe) der Zeit sein kann, weil ihr Hut, Hege, Deutung der Seele der Menschen anvertraut ist, die keineswegs immer mit dem viel schnelleren Verstand und den Oberflächenschichten des Empfindens und der Mode übereinstimmt. Wie lange braucht der Mensch, bis er Elementares einsieht, wie sehr ist unser Sprechen, Sehen, Werten, Fühlen noch von der vorkopernikanischen Welt bestimmt, nach welcher die Sonne auf- und untergeht und sich selbstverständlich um die Erde dreht! Und wie wenig haben wir alle von der Revolution des Neuen Testamentes verstanden; es ist doch vielmehr so, daß wir viel Heidnisches in uns tragen, noch Skeptiker, Stoiker, Epikuräer, Platoniker sind, nach dem Gesetz des ,do ut des', des blanken Interessenausgleichs reagieren; das Neue an Leben und Predigt Jesu ist auch nach 2000 Jahren noch unverbraucht, da in sich unerschöpflich und deshalb bleibend unverstanden, als eingelöste Wirklichkeit noch vor uns. Das spezifisch Christliche ist fast nur Zusatz, Ferment, Gewürz, Horizont des Denkens und Handelns, selten ihr Integral. Die Kirche (zumal jene der romanischen Länder) weiß das manchmal besser als alle Eiferer und Kritiker.
Vielleicht ist es angesichts solcher Weisheit und Quellenkunde verständlich, daß selbst der heutige säkulare Staat an Dienst und Einbindung der Kirche in Ethos, Beratung, Fürsorge äußerst interessiert ist und gereizt reagiert, wenn plötzlich im Namen unvordenklicher Einsichten und Prinzipien Widerspruch angemeldet wird. Er ahnt zudem, daß er selbst gar nicht der Heilsbringer sein kann, als der er sich gern ausgibt. Wie wichtig ist da eine Kirche, die den selbstverständlich geltenden Götzen widersteht: dem Körper- und Gesundheitskult, dem Wohlfahrts- und Glücksanspruch, der absoluten Garantie im Blick auf Arbeit und Gelingen des Lebens, kurz dem Regime von wellfare und wellness, das heute alles bestimmt. Und was soll man von dem Gerede um Sozialsolidarität und Werte halten, die als solche noch lange nicht ihre Einlösung und Bewahrheitung garantieren, ja das Gemeinte oft geradezu verhindern? So scheint manchmal ,Rom' ein schärferes Gespür für die notwendige Unterscheidung und kritische Differenz von Staat/Recht und Gesellschaft, Gesellschaft und Kirche zu haben als die allzu sehr auf Integration und Effizienz/Relevanz bedachte deutsche Amtskirche, die damit oft unter die Standards der bereits unter Ambrosius oder Gregor ausgearbeiteten und eingemahnten Differenzen zu fallen droht, von dem entscheidenden Schritt ihrer Entflechtung um 1100 gar nicht zu reden. Und wie schwer ist die Balance zwischen Ermutigung der Forschung und der Wirtschaft und der notwendigen Kritik ihrer oft blinden Eigendynamik gegenüber zu wahren. Auch da mögen die römischen Schreiben und Praktiken hellsichtiger sein als die aufgeklärten Gesellschaften, an die sie sich wen den. Freilich kann man auch Gegenrechnungen aufmachen. Hat die Kirche nicht bis in die 50er Jahre die neuzeitlichen Erfindungen wie Menschenrechte, Toleranz, Religionsfreiheit etc. eher behindert und bekämpft, die sie heute so selbstsicher einfordert? Und wie steht es bei ihr: immer noch ist an eine wirkliche Appellinstanz in der Rechtsprechung, an eine Trennung oder auch nur Unterscheidung der Gewalten in ihrem eigenen Schoß nicht einmal zu denken. So könnte man noch endlos weiterfahren und den bleibenden Wechselgang zwischen (moderner) Geschichte und Kirche beschreiben. Offenbar hat hier niemand Recht, es wäre schon viel, wenn man einsähe, wie notwendig das gegenseitige Hören ist, das freilich nur Sinn hat, wenn die Kirche von ferne her kommt, aus ihren Quellen schöpft, sich vom Heute und ihrer eigenen Botschaft auch etwas gesagt sein läßt, was sie gar nicht hören will, d.h. den dimensionalen Unterschied (der manchmal auch einen Sprung bedeutet) von Natur und Gnade, Glück und Segen, Himmel und Erde erinnerte.
Der Gratgang und die offene Zukunft
Wir stehen also an einer Wegscheide, wo jedem Christen die Last und das Abenteuer ,stereophonen Hörens' und vielschichtigen, bisweilen gar widersprüchlichen Handelns zugetraut und zugemutet werden muß. Einige dieser Doppelfronten wollen wir noch besichtigen und in ihrem Gewicht und ihrer Reichweite wägen.
- Volks- oder Minderheitenkirche
Offenkundig setzt die verwaltete Volkskirche eine Selbstverständlichkeit des Glaubens und ein Milieu voraus, die nicht mehr gegeben sind; sie stellt zu viele ungedeckte Schecks aus, für die niemand mehr einsteht, erhebt Forderungen, die Staat und Gesellschaft immer öfter und völlig zu Recht zurückweisen. Die offiziöse Kirche benutzt noch Lautsprecher und Schalltrichter vergangener Christkönigsfeiern und politisch-religiöser Machtdemonstrationen, erhält Institute aus der Zeit, als es Ordensleute im Überfluß gab, gibt Weisungen und verspricht Geleit und Sicherheit, als ob sie noch über geschlossene Reihen verfügte – während all das in sichtlichem Verfall ist. Wäre es da nicht demütiger und mutiger, sich als Minderheit zu bekennen, auf qualifizierte Weise Hörhilfe und Orientierung anzubieten, den Apparat langsam zu verkleinern, dies alles in dem Wissen, daß das Christentum in Westeuropa mit bescheidener und markanter, einfühlender und einer doch ganz eigenen, um ihre Merkwürdigkeit wissenden Stimme zu sprechen hätte. Das schließt nicht die Freude an volkskirchlichen Resten und Formen aus und bedeutet keineswegs den Rückzug auf den Status einer Sekte. Es ist im Gegenteil so, daß im Augen blick, wo die Kirche noch überzogene Ansprüche an sich selbst und die Gesellschaft hat (auch in der Erfassung aller Jugendlichen in Schule und Katechese), sie immer mehr eine Sprache spricht, die niemand versteht, also sektenhafte, hermetische Züge aufweist, obwohl (oder gerade weil) sie ihre Kontur verliert. Von daher der Eindruck der bedrückenden Nichtigkeit, die von vielen Verlautbarungen und Darstellungen kirchlichen Lebens ausgeht. Wie wäre es hingegen, wenn eine hochgemute und gelöste Freude an der sicher schweren Doppelrolle, am Übergang von Noch-Volkskirche und keimender Minderheitenkirche herrschte und man alles unternähme, der letzteren den Weg zu bereiten. Dann erlebte man das Jetzt nicht nur als Abbau, sondern als sehr lästige und doch auch gespannte und lockende Umgestaltung.
- Kirche und Staat
Auf lange Sicht wird das auf eine weitere Entflechtung von Staat und Kirche hinführen, die für beide schmerzlich, aber wohl unvermeidbar ist und sich im Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzungen anbahnt. Auch da wäre es gut, nicht verbissene Rückzugsgefechte zu führen, sondern von sich aus erste lösende Schritte vorzuschlagen. Wie, wenn man bei der Verminderung der Theologischen Fakultäten mitarbeitete, von sich aus womöglich zu streichende Feiertage (etwa den Pfingstmontag, mit dem kein Liturge etwas anzufangen weiß, Christi Himmelfahrt) benannt oder den Ethikunterricht in Brandenburg als Modellversuch mitgetragen hätte, anstatt in weinerlicher Aggressivität an Besitzständen zu kleben, die längst verloren sind? Eine Haltung, die nun nicht gerade die christliche Botschaft des Verzichts aufleuchten läßt, die man den anderen gern an dient.
- Fremdheit des Christlichen
Wie, wenn man sich eingestünde, wie wenig die Durchschnittsgemeinde von den zentralen Mysterien des christlichen Glaubens heute bewahrt und bewährt? Im Wesentlichen läuft es auf eine human angenehme Botschaft hinaus, die das mitmenschliche Klima und das Wohlbefinden des Einzelnen im Namen eines geneigten, an jedem/jeder offenkundig unendlich interessierten Gottes fördern möchte. Das ist sicher keine Verfälschung des Credo, aber umschreibt eben doch nur zehn Prozent dessen, was es da von ferne her zu sagen, zu beten und zu begehen gäbe. Solche Eingrenzung findet sich notwendig zu jeder Zeit und bei jedem Menschen. Niemand vermag den unermeßlichen und abgründigen Reichtum des Glaubens erschöpfend oder auch nur geziemend darzustellen und zu leben; stets füllen wir seine strömenden Fluten auf unsere kleinen Flaschen ab. Nur sollte man als aufgeklärter Mensch immerhin wissen, wie wenig das ist und was das Christentum an Motiven, Trost, metaphysischen Einsichten und religiösen Tiefen alles noch bereithielte, wenn man nur in seinem Bergwerk schürfen oder seine Landschaft mit Entdeckerfreude durch streifen wollte. Wir sind also weit entfernt davon, Christen zu sein, sondern werden es allenfalls noch. Von daher die Freude an jedem Glaubens keim, an jedem Zeichen der Präsenz von Sein und Sinn des Göttlichen, von gottmenschlicher Gegenwart in Wort und Lebensgestus. Mehr ist uns Sterblichen nicht gegeben – und es wäre übergenug.
- Gottvergessenheit
„Ich fürchte, daß es Gott nicht gebe," hat Max Horkheimer in einem Interview gesagt. Um Gott bangen, seine Gegenwart vermissen, seine Einsamkeit teilen, nicht von dem Gottgedanken lassen können um der Menschen willen. Denn Er wäre, wenn das Wort ,Gott‘ eine Bedeutung haben soll, die dem Menschen unerschwingliche Versöhnung von Macht und Liebe, Notwendigkeit und Freiheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vor- und Inbild gelungenen und geretteten Lebens. Der heutigen Indifferenz ist zumeist sogar die Sehnsucht nach diesem ganz Anderen versagt, es bliebe uns immerhin die Furcht, daß er nicht sein könne, als letzte und erste Spur, als Fährte, als Hoffnungsschimmer und Horizont auf unserer Lebensfahrt.
- Tradition und gastfreie Aufmerksamkeit
Die Kirche wird im Augenblick von schiefem Traditionalismus ebenso zerrieben wie von einer fast frenetischen Anpassungswut an das Gängig-Läufige. Wie, wenn wir mit Freude auf die vielschichtigen Zeugnisse der großen Tradition hörten, sie neu vernähmen, Freunde unter den großen Theologen und Heiligen hätten, sehen könnten, wie viele Stilformen in Denken und Leben es gegeben hat, wie sehr das Christentum in der Ge schichte der Kunst, Musik, Architektur, Philosophie, mehr aber noch in tausend Formen des Alltags Halt, Trost, Quelle der Inspiration gewesen ist? Mit einem solchen ahnenden Wissen im Rücken könnten wir uns in gastfreundlicher dem ebenso vielfältigen Heute zuwenden, distanziert wägend, geneigt-kritisch kommentierend, aufnahmebereit, wenigstens auf Zeit es mit dem einen oder anderen Zug der Zeit zu wagen. Es braucht da eine Art erlittenen Humors, wenn man nur an die Wandlungen der Kirche in den letzten 40 Jahren denkt. Und wer hätte angesichts solcher Verluste und Befreiungen ein Urteil darüber parat, was nun richtig oder gar wahr wäre?
- Gastfreiheit und Widerstand
Aus solchem Wissen um die Wechselgänge des Lebens und die Bedingtheit einer jeden Epoche erwächst eine Kraft zum Widerstand gegen die Vergötzungen, die uneingestandenen Dogmen, die jede Zeit in erstaunlicher Weise produziert und denen sie sich gern und selbstquälerisch unter wirft. All die Wellen, die über uns hinweggehen, wie nähmen sie sich aus der Sicht des Evangeliums, der unvordenklichen Weisheit eines Thomas und einer Teresa von Avila oder auch nur Italiens oder Afrikas aus? Was nützt denn unsere Reisewut, wenn wir nicht einmal von außen auf unsere neuhochdeutsche Art zu sprechen, werten und leben schauten, sondern immer nur unserem Tourismus-Ich begegnen? Und vielleicht keimte ja auch Dankbarkeit in unserem Herzen, wenn wir an die Weite und Freiheit unserer Horizonte denken, an die uns wenigstens auf Zeit gestundeten Möglichkeiten, an das weltläufig engagierte, aufgeklärte Christentum, das uns zu leben aufgetragen und gegeben ist. Auch wenn wir nicht wissen, wie lange dieser merkwürdige Zustand unserer Epoche noch währen mag.
- Lebensweisheit und Ethos
Zum christlichen Wissen um Leben gehört es, daß man seiner Gnade und seiner Last inne ist. Alles ist gewährt, auf Zeit uns zugestanden: Leib und Gesundheit, Sexualität und Intelligenz, Partner, Kinder, Gefährten, Le bensstile; all das ist in Treue entgegenzunehmen, zu wahren, zu pflegen und zu entwickeln, bis auf Widerruf, bis sie uns entzogen werden, sich mindern, zurückzugeben sind. Der Mensch ist begnadet, darin aber auch überfördert und überfordert. Wie wenig kommt er schon mit dem Elementaren zu Rande, mit Zeugung, Geburt, Tod, Erziehung, Treue, der Sprache des Leibes und des Anderen; wie wenig kennt er sich selbst. Er neigt ständig dazu, sich zu unter- oder zu überschätzen, falsch protzig oder depressiv zu sein. Eine solche Zwischenlage kann man nicht allein mit Moralvorschriften und Geboten angehen, wie es die Kirche wohl zu oft getan hat. Es wäre vielmehr eine behutsam und pointiert die Not und Herrlichkeit des Irdischen beschreibende Sprache und Haltung nötig, die den Menschen ermutigte, sein Leben ins Herz zu schließen und in die Hand zu nehmen, seine Kräfte auszuschöpfen, Freude am Leben zu gewinnen, Niederlagen tapfer zu ertragen und alles Weitere dem Gott-Geschick anheim zu geben. Also keine verbietende, aus Ressentiment geborene, auf Symptomjagd gehende Moralverkündigung, sondern eine fördernde, Perspektiven und Mut eröffnende Sprache und Atmosphäre, die auch um das Tragische, von dem alles Menschliche umwittert ist, wüßte. Im Ganzen wird man sagen müssen, daß die Kirche auf fast allen Gebieten da noch nicht zu einem Ton und Stil gefunden hat, der hilfreich wäre. Das Dilemma ihrer Einlassungen auf dem Gebiet des Sexuellen ist ebenso offenkundig wie auf dem der Forschung, des Intellekts oder der sich entwickelnden Lebensstile. Ein wenig heilsame Scham wäre da angezeigt, aus dieser heraus möchte sie dann weise und freigiebig werden, ohne schwächlich und angepaßt zu sein.
- Gesinnung und Verantwortung
Der Doppelblick auf die Wirklichkeit sei noch einmal kurz auf den Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung in der deutschen Kirche gerichtet, in welchem zwei unvereinbare ethische Grundoptionen aufeinander stießen. Die eine hält sich, um im Bilde zu sprechen, an die Unbedingtheit der Antigone, um der Reinheit des göttlichen Gebotes, der Lauterkeit der eigenen Person und der Wirkung auf das Ethos des Staates und der Menschen willen. Für sie ist die auch nur indirekte Beteiligung an einer unerlaubten Handlung auf jeden Fall zu unterlassen, selbst wenn man negative Nebenfolgen (daß einige Kinder nicht vor der Abtreibung bewahrt werden) in Kauf nehmen müsse. Kein noch so guter Zweck heilige zweideutige, d.h. die Eindeutigkeit des Gebots verdunkelnde Mittel. Dies sei das Fundament aller Sittlichkeit von Platon bis Hegel (und R. Spaemann, der diese Position besonders klar vertritt). Die andere, heute mehrheitlich getragene Ansicht meint, in aller Demut um des möglicherweise richtigen Zieles willen (nämlich unentschiedenen und hilfsbedürftigen Frauen beizustehen, die nie zu einer rein kirchlichen Beratung fänden, und so das Leben von Kindern zu retten) einen Kompromiß mit Kreon eingehen zu müssen. Und was hat die heroische Konsequenz der Antigone schon geholfen; hat sie nicht sich selbst, ihren Bräutigam und Kreon ins Unglück gestürzt? Aber was hätte es für das Gemeinwesen bedeutet, wenn sie sich gefügt hätte? Wir wissen es nicht. In Deutschland werfen beide Seiten einander vor, wirkliche Hilfe zu verhindern, indirekt an der Tötung Unschuldiger mitzuwirken und das sittliche Empfinden zu unterwandern. Da sieht man die Tiefe und Unlösbarkeit des Konflikts – wenn die Frage einmal explizit gestellt ist. Genau das hätte vielleicht nicht geschehen sollen. Denn nur selten darf der Sterbliche sich die Frage nach dem letzten Grund und Motiv des Bestandes seiner Praxis, seiner Ehe oder des Berufs stellen, weil diese damit fast immer dem Nichts, der Fährlichkeit und Unlebbarkeit preisgegeben sind. Nur von fern wird er der Zerbrechlichkeit und Fragwürdigkeit wie des seine Existenz trotz allem tragenden Segens inne sein. Es wäre so wohl besser gewesen, demütig auf einige Zeit noch die geltende Praxis zu teilen, um ihre Zweideutigkeit wissend; ist man nämlich einmal unerbittlich vor die Alternative gestellt, so kommt es zu einem Schwur, dem niemand gewachsen ist, und alle stehen bloß und beschämt da. Selten bietet das Christentum deshalb endgültige „Lösungen", vielmehr weiß es, daß im Großen noch ein Fluch und im Unheil noch Segen walten kann.
Wenn man vom Gesagten her auf die heutige deutsche Gesellschaft und Seelenlandschaft, endlich gar auf die offiziöse kirchliche Praxis blickt, werden viele von Trauer und hilfloser Wut übermannt. Aber es gibt auch die reinigende Gabe der Tränen, einer gespannten, erwartungsfrohen Ratlosigkeit, die hellsichtig um Größe und Elend der Lage weiß und sich anschickt, sie tapfer, mit Würde und Entdeckerfreude zu bestehen. Denn woher sollten Weisung, Halt, Trost, Hoffnung kommen – wenn nicht aus der Geschichte und Weisheit eines in aller Bescheidenheit gelebten, nüchtern und tief bedachten Christentums?
Aus: Briefe aus der Abtei Gerleve, 3/2001
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