REGULA BENEDICTI

Br. Amos Schmidt OSB, St. Matthias/Trier
„Das Haus Gottes weise verwalten"
Zum Profil und Ethos der Weisheit bei Benedikt



Für Benedikt ist es von hoher Bedeutung, daß die verantwortlichen Dienste und Ämter in der Gemeinschaft von Brüdern ausgeübt werden, die sich durch Weisheit auszeichnen. Nicht die Kompetenz in fachlicher und methodischer Hinsicht oder Kriterien wie praktische Erfahrung oder Lernbereitschaft gelten nach Benedikt als innere Vorraussetzungen, um eine verantwortliche Aufgabe zu übernehmen, sondern ausschlaggebend sind jene Qualitäten, die zum Profil und Ethos der Weisheit gehören. Denn „das Haus Gottes", so formuliert Benedikt im 53. Kapitel der Regel, „soll von Weisen weise verwaltet werden" (RB 53, 22). Diesen Grundsatz möchte Benedikt in allen Verantwortungsbereichen des Klosters verwirklicht wissen. Der Abt und die ihn beraten stehen ebenso unter dieser Forderung wie der Cellerar, die Dekane, der Pförtner und die Brüder in der Gastaufnahme. 

Benedikt stellt damit einen sehr hohen Anspruch, dem man sich nicht so leicht gewachsen fühlt. Überfordert Benedikt damit nicht die Brüder? Die Forderung stellt jedoch keinen willkürlichen Maßstab auf, denn das Ziel, um das es hier geht, ist nicht von dieser oder jener Zwecksetzung bestimmt, sondern es geht um ein Ziel, das alle einzelnen Zwecksetzungen hinter sich läßt und auf das alle derartigen Zwecksetzungen bezogen werden müssen, nämlich um das Leben von Menschen in der sie tragenden Gemeinschaft, um das Gelingen ihres Lebens, um ihre Gemeinschaft untereinander und mit Gott. Daher geht es auch bei den Verantwortlichen um eine Verantwortung, die über alle partielle Verantwortlichkeit hinaus geht. Diese Verantwortung ist für Benedikt eine zu ernste Sache, um sie Brüdern anzuvertrauen, denen es an der nötigen inneren Reife dazu fehlt. Die Gemeinschaft als ganzes – und nicht nur einzelne Funktionen würden in Mitleidenschaft gezogen, wenn solchen Brüdem Verantwortung zukäme. Um dies zu verhindern und möglichen Schaden von der Gemeinschaft fernzuhalten und sie auf dem guten Weg zu wissen, stellt Benedikt besondere Ansprüche an das Persönlichkeitsprofil der Brüder in herausgehobenen Positionen. 
Warum aber gehört zu diesem Profil die Weisheit? Weshalb genügen nach Benedikt nicht Geschick und Tüchtigkeit? Hier begegnet man einer Konsequenz seiner Auffassung, daß Mönchtum kein Unternehmen ist, dem es auf wirtschaftlichen oder sonstigen Erfolg ankommt, sondern eine Lebensform meint, in welcher es um die Herauslösung aus der Verlorenheit an das Viele, Zerstreute, Unklare, Mannigfache geht und darum zu lernen, sich auf das zu konzentrieren, was in der „Schule des Herrn" das Wesentliche ist. Dabei ist für Benedikt der einzelne immer als Individuum im Blick, und zwar in der Ganzheit seiner innerseelischen Kräfte und Dispositionen, in der Ganzheit seiner mitmenschlichen Beziehungen und in der Ganzheit seiner religiösen Ausrichtung. Der Weg im Mönchtum, in der „Schule des Herrn", wie Benedikt ihn sieht, gilt dann der ganzheitlichen Wahrnehmung und Förderung des einzelnen.

Das bedeutet aber nicht nur, den einzelnen in seinen guten Qualitäten zu stützen und zu fordern, sondern mehr noch, seinem Suchen und Streben nach einem Sinn, der das Ganze seines Lebens zu bergen und zu fordern vermag, Einheit und Richtung zu geben. 
Die für das Mönchtum erforderliche Weisheit ist nicht theoretischer Natur. Denn es geht hier nicht – oder jedenfalls nicht primär – um Reflexion, Diskussion oder Rechtfertigung einer Lebensweise und ihres Sinnes, sondern um Praxis: um die Gestaltung des Lebens in einem Sinnzusammenhang, den man bereits bejaht. Es geht nicht um Sinn-Konstruktion, sondern um Sinn-Verwirklichung auf den Wegen individueller Tugend (Maß, Zucht, Demut, usw.) und der gemeinsamen Ordnung.

Freilich erfährt der Mönch diesen Sinn nicht nur als bejahte Gegebenheit, sondern auch als noch nicht erreichtes Ziel. Die von Evangelium und Tradition gezeichnete Gestalt dieses Ziels fordert ihn dazu heraus, die engen Grenzen der unmittelbaren Lebenswünsche und Lebensängste, zu überschreiten – auf Christus hin und auf das Heil, das in ihm begegnet. 

Eine solche Praxis verlangt Uberprüfung und Korrektur der eigenen Bewegungsrichtung. Weisheit bedeutet deshalb auch: Einsicht in das Falsche und Ungenügende der faktischen Orientierung und Wissen um Ressourcen, aus denen sich die immer wieder geforderte Umkehr (conversio) speist. Dabei lenkt Benedikt immer wieder den Blick auf die gnadenhafte Führung und Hilfe Gottes, ohne die das Gute letztlich nicht gelingen kann (vgl. RB Prol, 29; 31; 41). 

Die Gestaltung der eigenen Individualität in der Vielheit ihrer Aspekte und Bezüge aus der Konzentration auf die einigende und sinnstiftende Mitte fordert nicht ein parzelliertes Wissen oder das Wissen des Spezialisten, sondern jenes als Weisheit qualifizierte Wissen, das fähig ist, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, zwischen Gutem und Schlechtem zu unterscheiden und das erkennt, worauf es in der Lebensführung entscheidend ankommt. Weise ist demnach nicht derjenige, der über intellektuelle Geschicklichkeit verfügt, sondern der ist weise, der die Fähigkeit zur Unterscheidung besitzt; der mit klarem, Sinn und reifer Selbstdisziplin zu entscheiden und zu unterscheiden vermag, was dem Menschen im Hinblick auf ein letztes höchstes Ziel förderlich und was ihm abträglich ist und der dieses Wissen in der Verwaltung seiner Aufgaben zu bewahren sucht. Darum kommt dem Weisen auch in besonderem Maße die Gabe der discretio zu, von der Benedikt sagt, sie sei die Mutter aller Tugenden (vgl. RB 64, 19). Da sich sein Wissen nicht bloß auf einzelne Handlungsumstände, sondern auf das Ganze des Lebens bezieht, vermag er nicht nur im Hinblick auf die eigene Lebenspraxis Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden, sondern auch das für den andern letztlich ausschlaggebende Gute zu erkennen und abzugrenzen von dem, was nur oberflächliche Sinnerfüllung verheißt. 

Diese Fähigkeit des Weisen schließt das umsichtige Bedenken aller Gesichtspunkte mit ein, die für die Frage, was hier und jetzt zu tun und zu lassen ist, von Belang sind, so daß der Weise im allgemeinen auch der gut Überlegende ist. Er weiß nicht nur um das Gute, sondern auch wie es zu verwirklichen ist. Seine Freiheit und Unabhängigkeit von den Spielarten der Begierde oder einer dadurch bedingten Lebensform, der es ausschließlich um Lustmaximierung, Reichtum, Macht und dergleichen geht, ermöglicht es ihm, die Situationen, in denen es darauf ankommt, das Gute umzusetzen, unverstellt und ungetrübt wahrzunehmen und in ihnen das Tunliche zu erkennen. Weil der Weise im Erfahrungs- und Bildungsprozeß seine individuellen Eigenheiten in ein Leben der Tugend integriert und gelernt hat, seine eigene Ideologieanfälligkeit selbstkritisch zu kontrollieren; feiner sich ein praktisches Wissen um das Menschlich-Gute erworben und ein Gespür entwickelt hat für besondere Umstände und entsprechendes Handeln, ist er auf der Basis seiner charakterlichen Verfassung zur Wohlberatenheit, Verständigkeit und dergleichen in der Lage, sich in die Situation eines anderen zu versetzen und sie mit praktischem Sinn zu berurteilen.

Auf diese Fähigkeiten und Voraussetzungen weisen Handelns kommt es Benedikt an bei der Aufgabe, „Seelen zu führen und zu leiten" (vgl. RB 2, 31f.). Dem diese Aufgabe erlaubt kein Schablonendenken, sondern, verlangt, auf die Individualität jedes einzelnen Bruders einzugehen und sich ihr anzuschmiegen; jedem das zu geben, was ihm in seiner Situation hilft, der Zielgestalt seines Lebens näherzukommen. 

Für Benedikt hat Weisheit aber nicht nur diesen individuellen Charakter, sondern sie ist nach ihm stets auch gemeinschaftsbezogen. Das will besagen, daß im Wissen des Weisen, das sich in seinem Tun und Handeln manifestiert, immer auch die für die Lebenspraxis der Gemeinschaft als ganzer richtigen und guten Ziele erschlossen sind. Deshalb qualifiziert dieses Wissen den Weisen nach Benedikt auch dazu, in der Gemeinschaft verantwortlich tätig zu werden. In ihm sind die Ziele, auf die hin Benedikt mit seiner Regel die Gemeinschaft entwirft, im besten Sinne aufgehoben und verwirklicht. Diese Qualität, die seine Persönlichkeit bestimmt, macht im zum Vorbild für die Gemeinschaft. In ihm begegnet der Anspruch der Regel und ihr unbedingter Forderungscharakter, den er mit Milde und Güte zu verbinden weiß, wie das Benedikt von einem weisen Abt erwartet (vgl. RB 2, 23ff.). Durch seinen unverstellten Blick für die Anliegen der Regel wird er für die Gemeinschaft zur Quelle der Inspiration, zu einem anspornenden und vorwärtsweisenden, aber auch zu einem ins Kritische treibendes Moment, da wo sich in der Gemeinschaft die Tendenz breit macht, die Maßstäbe des Evangeliums zu verwässern oder sie dem bequemen Zeitgeist zu opfern. In dieser Hin sicht ist der Weise durchaus unbequem, eine Quelle des Ärgernisses, dessen Charakterfestigkeit und Prinzipientreue es nicht zulassen, die Sache, für die er einsteht, zu verfälschen oder sie gar in ihr Gegenteil zu kehren. Wo der bequeme Zeitgeist Einzug hält und die Gefahr innerer Aushöhlung droht, ist der hellsichtige Weise gefragt, der die Mißstände frühzeitig erkennt, sie aufdeckt und verurteilt und die Gemeinschaft zu erneuern sucht, indem er in schöpferischer Weise an ihr Fundament erinnert, an ihre Verwurzelung im Geist, in den Wertmaßstäben und Überzeugungen des Evangeliums. Da er furchtlos ist, riskiert er mögliche Ablehnung und hält die Einsamkeit aus, in die ihn seine kompromißlose Haltung zeitweise bringen kam. 

Solche Verantwortung für das Ganze kann auch auf den Bruder in der Gastaufnahme zukommen, wem z. B. Menschen, die schwierig sind, die viel Aufmerksamkeit und Zuhörbereitschaft verlangen, als Gäste nicht willkommen sind. Die Sache wird da zum Problem, wo unter dem Deckmantel der Überforderung die Gemeinschaft ins Bequeme ausweicht und der Herausforderung aus dem Weg geht. Dieses Bespiel, dem sich leicht noch andere anfügen lassen, zeigt etwas für Benedikt sehr Wesentliches, nämlich, daß die notwendigen Dienste, wie die Regel sie vorsieht, nicht nur wahrgenommen werden; sondern unter welchem Vorzeichen sie ausgeübt werden, ob darin den Anliegen des Evangeliums Genüge getan wird, das ist für Benedikt wichtig. Die Vernachlässigung dieser Dimension würde die Gemeinschaft um ihr Wesentliches bringen, um das, was sie mehr ist als ein bloßer Zweckverband. 

Natürlich erwartet Benedikt auch, daß die Brüder in allem, was die Verwaltung und die Organisation der Arbeit anbelangt, die nötige Sorgfalt aufwenden, gewissenhaft und umsichtig zu Werke gehen und ihre Aufgaben mit Sachverstand, kompetent und effizient erfüllen. Benedikt duldet keine Nachlässigkeiten und keinen Dilettantismus, erst recht nicht bei denen, die in verantwortlichen Positionen tätig sind. „Die Weisen sollen das Haus Gottes auch weise verwalten" schreibt er ihnen ins Stammbuch. Dazu gehören auch ganz elementare Erfordernisse bis hin zu der Mahnung Benedikts, dafür Sorge zu tragen, daß für die Gäste auch genügend Betten zur Unterbringung bereit stehen. Die ordnungsgemäße und sachkundige Wahrnehmung und Ausübung von Ämtern und Diensten ist jedoch nur der eine Pol einer weisen Verwaltung. Ihr anderer, nicht weniger wichtiger Teil betrifft den Motivationshorizont, unter dem die Aufgaben erfüllt werden. Dieser Horizont ist bestimmt durch das Anliegen, dem Evangelium zu dienen, ihm Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Die Weisheit, derer es bedarf, um das „Haus Gottes" weise zu verwalten, wendet sich an kein anderes Motiv als jenes, sich von der Botschaft des Evangeliums treffen und bestimmen zu lassen. In diesem Licht gilt es nach Benedikt, Verantwortung wahrzunehmen; im Hinblick darauf die eigenen Motive und Verhaltensimpulse zu läutern, damit die Ausrichtung an den Werten und Erfordernissen des Evangeliums nicht durch persönliche Vorlieben, (egoistische) Eigeninteressen, Macht- und Prestigedenken verdeckt oder gar verdunkelt wird.

So wäre es, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, mit einem Leben „unter der Führung des Evangeliums" (RB Prol, 21) nicht vereinbar, wem der Abt einseitig auf Einfluß und Ansehen des Klosters bedacht wäre; der Cellerar aus dem Kloster ein Wirtschaftsunternehmen machen würde, das den Gewinn zum alleinigen Zweck hätte; wenn der verantwortliche Gästebruder nur denen Gastaufnahme gewähren würde, die dem Kloster einen wirtschaftlichen Vorteil bieten; der Infirmar die Belange der Gesundheit gegenüber den sonstigen Erfordernissen des Lebens der Kranken unverhältnismäßig gewichtig nähme; der Novizenmeister Fragen des beruflichen Werdegangs in den Vordergrund seiner Begleitung stellen würde; wenn der Umgang mit Brüdern, die stark überfordert sind, nicht hinreichend von Verständnis und Rücksichtnahme geprägt wäre. 

Benedikt kennt noch andere Maßstäbe als jene, welche Geschichte und Gesellschaft für den Menschen bereit halten. Der Mensch, der keinen anderen Maßstab für sein Leben als sich selber kennt, indem er Wohlbefinden und Macht, Karriere, Ansehen und Reichtum als einzige Ziele verfolgt, ist selbstverständlich von der Weisheit weit entfernt. Die des Menschen reduziert sich nach Benedikt nicht auf das, was sich innerweltlich zum Absoluten aufspreizt und vorgibt, letzte Sinnerfüllung zu bieten. Benedikt geht es um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.

Die Ziele, die Benedikt den Brüdern wie dem Abt vorzeichnet, sind in gewisser Weise selbstverständlich. Aus diesen Zielen ergeben sich auch die Maßstäbe der Weisheit. Es ist aber nicht selbstverstindlich, daß die Ämter des Klosters mit Brüdern besetzt sind, die jene selbstverständlichen Ziele tatsächlich zum Maßstab des Handelns machen und auch umzusetzen verstehen. Sowohl die Brüder als auch der Abt können in der Gefahr sein, für diese Ämter Personen vorzusehen, die vor allem durch Kompetenz bestechen, deren Klugheit jedoch von vordergründigen Zielen und Maßstäben bestimmt ist. Das ist der Grund, warum Benedikt die Mahnung für nötig hält, daß das „Haus Gottes" von Weisen weise verwaltet werden soll.