Prolog / Prologus

Der Prolog

  1. Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat! 
  2. So kehrst du durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurück, den du durch die Trägheit des Ungehorsams verlassen hast. 
  3. An dich also richte ich jetzt mein Wort, wer immer du bist, wenn du nur dem Eigenwillen widersagst, für Christus, den Herrn und wahren König, kämpfen willst und den starken und glänzenden Schild des Gehorsams ergreifst
  4. Vor allem: wenn du etwas Gutes beginnst, bestürme ihn beharrlich im Gebet, er möge es vollenden. 
  5. Dann muss er, der uns jetzt zu seinen Söhnen zählt, einst nicht über unser böses Tun traurig sein. 
  6. Weil er Gutes in uns wirkt, müssen wir ihm jederzeit gehorchen; dann wird er uns einst nicht enterben wie ein erzürnter Vater seine Söhne; 
  7. er wird auch nicht wie ein furchterregender Herr über unsere Bosheit ergrimmt sein und uns wie verkommene Knechte der ewigen Strafe preisgeben, da wir ihm in die Herrlichkeit nicht folgen wollten.
  8. Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: "Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen." 
  9. Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft: 
  10. "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!" 
  11. Und wiederum: "Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!"
  12. Und was sagt er? "Kommt, ihr Söhne, hört auf mich! Die Furcht des Herrn will ich euch lehren. 
  13. Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen." 
  14. Und der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: 
  15. "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" 
  16. Wenn du das hörst und antwortest: "Ich", dann sagt Gott zu dir: 
  17. "Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach! 
  18. Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da." 
  19. Liebe Brüder, was kann beglückender für uns sein als dieses Wort des Herrn, der uns einlädt? 
  20. Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens. 
  21. Gürten wir uns also mit Glauben und Treue im Guten, und gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege, damit wir ihn schauen dürfen, der uns in sein Reich gerufen hat.
  22. Wollen wir in seinem Reich und in seinem Zelt wohnen, dann müssen wir durch gute Taten dorthin eilen; anders kommen wir nicht ans Ziel. 
  23. Fragen wir nun mit dem Propheten den Herrn: "Herr, wer darf wohnen in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?" 
  24. Hören wir, Brüder, was der Herr auf diese Frage antwortet und wie er uns den Weg zu seinem Zelt weist: 
  25. "Der makellos lebt und das Rechte tut; 
  26. der von Herzen die Wahrheit sagt und mit seiner Zunge nicht verleumdet; 
  27. der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht; 
  28. der den arglistigen Teufel, der ihm etwas einflüstert, samt seiner Einflüsterung vom Auge seines Herzens wegstößt, ihn zunichte macht, seine Gedankenbrut packt und sie an Christus zerschmettert." 
  29. Diese Menschen fürchten den Herrn und werden wegen ihrer Treue im Guten nicht überheblich; sie wissen vielmehr, dass das Gute in ihnen nicht durch eigenes Können, sondern durch den Herrn geschieht. 
  30. Sie lobpreisen den Herrn, der in ihnen wirkt, und sagen mit dem Propheten: "Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinen Namen bring zu Ehren." 
  31. Auch der Apostel Paulus hat nichts von seiner Verkündigung als Verdienst angesehen, sagt er doch: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin."
  32. Und er sagt auch: "Wer sich rühmen will, der rühme sich im Herrn." 
  33. Schließlich sagt der Herr im Evangelium: "Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hat. 
  34. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut."
  35. Nach all diesen Worten erwartet der Herr, dass wir jeden Tag auf seine göttlichen Mahnungen mit unserem Tun antworten. 
  36. Deshalb sind uns die Tage des Lebens als Frist gewährt, damit wir uns von unseren Fehlern bessern, 
  37. wie der Apostel sagt: "Weißt du nicht, dass Gottes Geduld dich zur Umkehr führt?" 
  38. Denn in seiner Güte sagt der Herr: "Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt."
  39. Brüder, wir haben also den Herrn befragt, wer in seinem Zelt wohnen darf, und die Bedingungen für das Wohnen gehört. Erfüllen wir doch die Pflichten eines Bewohners! 
  40. Wir müssen unser Herz und unseren Leib zum Kampf rüsten, um den göttlichen Weisungen gehorchen zu können.
  41. Für alles, was uns von Natur aus kaum möglich ist, sollen wir die Gnade und Hilfe des Herrn erbitten. 
  42. Wir wollen den Strafen der Hölle entfliehen und zum unvergänglichen Leben gelangen. 
  43. Noch ist Zeit, noch sind wir in diesem Leib, noch lässt das Licht des Lebens uns Zeit, all das zu erfüllen. 
  44. Jetzt müssen wir laufen und tun, was uns für die Ewigkeit nützt.
  45. Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. 
  46. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. 
  47. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, 
  48. dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. 
  49. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.
  50. Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben.

Prologus

  1. Obsculta, o fili, praecepta magistri, et inclina aurem cordis tui, et admonitionem pii patris libenter excipe et efficaciter comple, 
  2. ut ad eum per oboedientiae laborem redeas, a quo per inoboedientiae desidiam recesseras. 
  3. Ad te ergo nunc mihi sermo dirigitur, quisquis abrenuntians propriis voluntatibus, Domino Christo vero regi militaturus, oboedientiae fortissima atque praeclara arma sumis.
  4. In primis, ut quicquid agendum inchoas bonum, ab eo perfici instantissima oratione deposcas, 
  5. ut qui nos iam in filiorum dignatus est numero computare non debet aliquando de malis actibus nostris contristari.
  6. Ita enim ei omni tempore de bonis suis in nobis parendum est ut non solum iratus pater suos non aliquando filios exheredet, 
  7.  sed nec, ut metuendus dominus irritatus a malis nostris, ut nequissimos servos perpetuam tradat ad poenam qui eum sequi noluerint ad gloriam.
  8. Exsurgamus ergo tandem aliquando excitante nos scriptura ac dicente: Hora est iam nos de somno surgere
  9. et apertis oculis nostris ad deificum lumen, attonitis auribus audiamus divina cotidie clamans quid nos admonet vox dicens: 
  10. Hodie si vocem eius audieritis, nolite obdurare corda vestra.
  11. Et iterum: Qui habet aures audiendi audiat quid spiritus dicat ecclesiis
  12. Et quid dicit? Venite, filii, audite me; timorem Domini docebo vos 
  13. Currite dum lumen vitae habetis, ne tenebrae mortis vos comprehendant.
  14. Et quaerens Dominus in multitudine populi cui haec clamat operarium suum, iterum dicit: 
  15.  Quis est homo qui vult vitam et cupit videre dies bonos? 
  16.  Quod si tu audiens respondeas: Ego, dicit tibi Deus: 
  17. Si vis habere veram et perpetuam vitam, prohibe linguam tuam a malo et labia tua ne loquantur dolum; deverte a malo et fac bonum, inquire pacem et sequere eam.
  18. Et cum haec feceritis, oculi mei super vos et aures meas ad preces vestras, et antequam me invocetis dicam vobis: Ecce adsum.  
  19. Quid dulcius nobis ab hac voce Domini invitantis nos, fratres carissimi? 
  20. Ecce pietate sua demonstrat nobis Dominus viam vitae.
  21. Succinctis ergo fide vel observantia bonorum actuum lumbis nostris, per ducatum evangelii pergamus itinera eius, ut mereamur eum qui nos vocavit in regnum suum videre.
  22. In cuius regni tabernaculo si volumus habitare, nisi illuc bonis actibus curritur, minime pervenitur. 
  23. Sed interrogemus cum propheta Dominum dicentes ei: Domine, quis habitabit in tabernaculo tuo, aut quis requiescet in monte sancto tuo?  
  24. Post hanc interrogationem, fratres, audiamus Dominum respondentem et ostendentem nobis viam ipsius tabernaculi,
  25. dicens: Qui ingreditur sine macula et operatur iustitiam; 
  26. qui loquitur veritatem in corde suo, qui non egit dolum in lingua sua; 
  27. qui non fecit proximo suo malum, qui opprobrium non accepit adversus proximum suum;
  28.  qui malignum diabolum aliqua suadentem sibi, cum ipsa suasione sua a conspectibus cordis sui respuens, deduxit ad nihilum, et parvulos cogitatos eius tenuit et allisit ad Christum; 
  29. qui, timentes Dominum, de bona observantia sua non se reddunt elatos, sed ipsa in se bona non a se posse sed a Domino fieri existimantes, 
  30. operantem in se Dominum magnificant, illud cum propheta dicentes: Non nobis, Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam;
  31. sicut nec Paulus apostolus de praedicatione sua sibi aliquid imputavit, dicens: Gratia Dei sum id quod sum;  
  32. et iterum ipse dicit: Qui gloriatur, in Domino glorietur. 
  33. Unde et Dominus in evangelio ait: Qui audit verba mea haec et facit ea, similabo eum viro sapienti qui aedificavit domum suam super petram; 
  34. venerunt flumina, flaverunt venti, et impegerunt in domum illam, et non cecidit, quia fundata erat super petram.
  35. Haec complens Dominus exspectat nos cotidie his suis sanctis monitis factis nos respondere debere.
  36. Ideo nobis propter emendationem malorum huius vitae dies ad indutias relaxantur, 
  37. dicente Apostolo: An nescis quia patientia Dei ad paenitentiam te adducit?
  38. Nam pius Dominus dicit: Nolo mortem peccatoris, sed convertatur et vivat.
  39. Cum ergo interrogassemus Dominum, fratres, de habitatore tabernaculi eius, audivimus habitandi praeceptum, sed si compleamus habitatoris officium.
  40. Ergo praeparanda sunt corda nostra et corpora sanctae praeceptorum oboedientiae militanda, 
  41. et quod minus habet in nos natura possibile, rogemus Dominum ut gratiae suae iubeat nobis adiutorium ministrare.
  42. Et si, fugientes gehennae poenas, ad vitam volumus pervenire perpetuam, 
  43. dum adhuc vacat et in hoc corpore sumus et haec omnia per hanc lucis vitam vacat implere, 
  44. currendum et agendum est modo quod in perpetuo nobis expediat.
  45. Constituenda est ergo nobis dominici schola servitii. 
  46. In qua institutione nihil asperum, nihil grave, nos constituturos speramus;
  47. sed et si quid paululum restrictius, dictante aequitatis ratione, propter emendationem vitiorum vel conservationem caritatis processerit, 
  48. non ilico pavore perterritus refugias viam salutis quae non est nisi angusto initio incipienda. 
  49. Processu vero conversationis et fidei, dilatato corde inenarrabili dilectionis dulcedine curritur via mandatorum Dei, 
  50. ut ab ipsius numquam magisterio discedentes, in eius doctrinam usque ad mortem in monasterio perseverantes, passionibus Christi per patientiam participemur, ut et regno eius mereamur esse consortes. Amen.

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