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Die auch nach außen sichtbarste Ordnung eines Benediktinerklosters ist der tägliche Gottesdienst, die Liturgie. Gemeint ist damit die von der Mönchsgemeinschaft täglich gefeierte Hl. Messe und das mehrmals am Tag stattfindende Stundengebet, das wegen seines gemeinschaftlichen Vollzuges auch ,,Chorgebet" genannt wird. Man könnte es den ,,Atem der Kommunität" nennen.

Chorgebet

Das Chorgebet beruht auf einer sehr alten Ordnung, in der Urerfahrungen der christlichen Gemeinde, ja, Gebetserfahrungen der Bibel überhaupt, mitschwingen. Das Grundgerüst dieses Gemeinschaftsgebetes besteht aus dem Psalter - den 150 Psalmen -, die den klassischen Gebetsschatz des Alten Testamentes bilden. Für den Christen sind sie besonders durch die Tatsache geheiligt, dass Jesus selbst die Psalmen gebetet hat. Biblischen Ursprungs sind auch andere Bestandteile einer Gebetszeit; so die kurze Schriftlesung, nach der eine Besinnungspause und dann ein meditativer Wechselgesang folgen. Weiterhin hat fast jede Hore (= Gebetszeit) ihren Hymnus, ein metrisches, strophisches, melodisch und sprachlich streng gefügtes Lied mit meist preisendem Charakter, das die auf uns mehr prosaartig wirkenden Psalmen thematisch und formal ablöst und in den neutestamentlich geprägten Zusammenhang überführt. Schließlich haben größere Horen einen Gesang aus dem Neuen Testament, der auf Christus bezogen ist. Jede Hore schließt mit einem Gebet, manche Hore auch mit dem Segen. Fast alle Gebetszeiten werden in deutscher Sprache gesungen oder gesprochen. Nur an Festen und an jedem zweiten Sonntag wird die Vesper - manchmal auch die Laudes - lateinisch gesungen, die Marianische Antiphon täglich am Ende der Nachthore.

Der Charakter des Chorgebets ist mehrschichtig. Hervorstechend ist an ihm der Gemeinschafts-Bezug. Auffällig ist weiterhin der stark objektive Gehalt, der persönliche Wünsche, zeitbezogene Themen oder gewisse Frömmigkeits-Färbungen nicht berücksichtigt. Es ist ein Gebet, das das Einzel-Ich ins Wir verschmilzt, das Wir nicht nur einer Kommunität, sondern der Kirche überhaupt, der Kirche aller Zeiten und aller Orte - ein überzeitliches, überindividuelles Gesamtgebet also, ein Gebet in, mit und durch Christus, bei dem sich die Gemeinschaft als "mit Christus zum Vater" wandernde Kirche auffasst. Wenn auch das Chorgebet fürbittende Elemente aufweist, so ist doch die Anbetung Gottes im großen, durch die Zeiten gehenden Preisgesang das vorherrschende Merkmal.

Ein weiteres Element des Chorgebetes darf nicht übersehen werden: es besitzt eine stark meditative Prägung. Die betende Gemeinschaft "verweilt" hier bei Gott, meditiert IHN als den großen Inhalt ihres Gesamtlebens. So ist es auch durchaus möglich, dass dem im Chor Betenden aus dieser Meditation tiefe religiöse Erfahrungen zuteil werden, die geradezu mystischen Charakter haben können: "Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige!" (G. Tersteegen). Aus den genannten Eigenschaften des Chorgebetes ergibt sich seine Bedeutung für die klösterliche Gemeinschaft ebenso wie für den einzelnen, darüber hinaus auch für jeden, der, sei es als Gast des Klosters, sei es als zufälliger Kirchenbesucher oder Wallfahrer, das Gotteshaus zur Chorzeit betritt.

Vier Gebetszeiten und die Feier der Hl. Messe rufen die Mönche aus allen Teilen des Hauses zusammen. Sie verlassen ihre Zellen und ihre Arbeitsplätze und sammeln sich um Gott - von dem alles ausgeht, zu dem alles wieder hinfinden muss. So wird der Tagesablauf zu einer großen, sich ständig wiederholenden Bewegung in Gebet und Arbeit, zu einem Rhythmus, der einsichtig macht, warum sich religiöse Gemeinschaften als "Orden" verstehen: als einer "Ordnung" verpflichtete Menschen (lat. „ordo“ heißt sowohl Ordnung als auch Orden), deren Leben sich in der Polarität von Diesseits und Jenseits, In-der-Welt-Sein und In-Gott-Sein abspielt. "Nichts darf dem Gottesdienst vorgezogen werden", das ist die Weisung des hl. Benedikt.